„Fürchtet euch nicht.“ Lukas 2,10

Drei Worte. Wie: „Ich liebe dich.“ Und sie sind auch genauso eine Liebeserklärung. Denn mit diesen drei Worten formuliert Gott die Botschaft seiner Liebe an die Menschen: „Fürchtet euch nicht.“

 

Und sie gelten uns genauso wie den Hirten, Maria oder Josef. „Fürchtet euch nicht. Gott bei euch!“ – so lautet die diesjährige ökumenische Weihnachtskampagne. Sie klingen mitten in die Unsicherheit der Pandemie, in die Ängste angesichts der hohen nicht sinken wollenden Infektionszahlen, in die Sorgen der nicht absehbaren Folgen für Mensch, Wirtschaft und Gesellschaft, in unsere Zweifel, Hilflosigkeit und Wut: „Fürchtet euch nicht. Denn euch ist heute der Heiland geboren. Gott ist bei euch!“


Gott ist bei uns – wird genau da hineingeboren, wo es dunkel ist, unaufgeräumt, unsicher, notdürftig. In den Stall und nicht in den Palast. Ich bin mir sicher Maria hätte sich etwas Anderes als Stall und Futterkrippe für ihr Kind gewünscht. Zumal sie wusste, wen sie da zur Welt brachte: Jesus – den Heiland der Welt. Aber Gott kommt nicht da, wo und wie wir ihn gerne hätten, sondern ist da, wo wir ihn brauchen. Und das ist oft gerade da, wo wir meinen, dass wir ihn da gar nicht brauchen können, weil wir uns schwach fühlen, so unvorbereitet, unfertig, unzufrieden sind mit uns oder dem Leben ganz allgemein.


Corona hat uns – wie es Krisen oft tun – unsere Hilflosigkeit und unsere Grenzen vor Augen geführt. Dass wir – so fortgeschritten unsere Technik und Wissenschaft ist – nicht alles kontrollieren und regeln können.


Es kommt immer wieder anders – anders als geplant, als wie wir es uns wünschen, als wir denken es wäre gut. Die Geburt Jesu im Stall stößt uns auf die Chance, auf das Heilsame im Anders kommen. Zeigt wie hell und warm das Licht im Dunkel strahlt. Dass es eben nicht an unseren Vor-bereitungen hängt, wir nicht alles fertig und perfekt haben müssen.


Aber es fordert uns auch heraus – zum Beispiel eigene Vorstellungen, Angemessenheiten zu hinterfragen. Nicht den eigenen Sicherheits-vorkehrungen, sondern auf das „Fürchte dich nicht“ Gottes zu vertrauen. Darauf, dass er bei uns ist – und dass er uns helfen kann.


Denn der Heiland ist uns geboren. Gott – nicht irgendwer. Der Retter. Einer der heil machen kann, was zerbrochen ist; trösten in Trauer, nahe sein in Einsamkeit, Kraft geben in der Mutlosigkeit, Zuversicht ist in Ausweglosigkeit, frei macht.


Können wir das glauben? Darauf vertrauen? Ist das nicht unglaublich? Er ist doch so unfassbar, so ganz anders als erwartet: Ein König ohne Palast. Ein Herr, der seinem Gefolge dient, eine Krone aus Dornen statt aus Gold trägt und am Kreuz siegt. Ein Gott der Mensch wird, bei uns ist und bleibt, auch wenn wir ihn nicht sehen.


Ja, anders als erwartet kommt unser König. Anders als erwartet ist dieses Jahr vieles gewesen und steht uns nun die Advents- und Weihnachts-zeit bevor. Keine Adventsfeiern und kein Weihnachtsmarkt. Familien-feste nur in ganz kleinem Rahmen und Gottesdienste ohne das Weihnachtslieder-Singen dafür mit Platzkarten und digitalem Angebot.


Es ist ganz anders als gewohnt. Wir hatten uns eine „normale“ Advents- und Weihnachtszeit gewünscht – ich auch. Aber die gibt es nicht. Trotzdem ist eines klar: Kein Weihnachten – das gibt es nicht! Denn uns ist der Heiland geboren. Gott ist bei uns! Da kann auch kein Corona was dran ändern. Darum haben wir uns in Westgartshausen und Goldbach zusammengetan, gemeinsam überlegt wie wir das feiern können – auch dieses Jahr.


Lassen wir uns doch darauf ein! Geben wir auch dem Anderen eine Chance. Wer weiß, welch unglaubliches Licht sich darin verbirgt.

 

Vielleicht ergeht es uns dieses Jahr mit dem Heiligen Abend wie Maria und Josef und der Volkszählung und wir bekommen einen ganz neuen Zugang zum Christfest, zu Gottes Kommen in die Welt – in dieser ungewohnten Form, im Verzicht auf viele vertrauten und lieb gewonnen Traditionen, so ganz anders. In jedem Fall wünsche ich Ihnen trotz oder gerade wegen des Ungewohnten eine gesegnete Adventszeit und ein fröhliches Christfest, dass die Botschaft von der Liebe Gottes in ihr Herz und Haus strahlt: Fürchtet euch nicht! Gott ist bei euch.

 

Ihre Pfarrerin Inga Keller