Auslegung von Gottes Wort im Mittelpunkt

Hier können Sie in unregelmäßigen Abständen eine aktuelle Predigt lesen, jeweils verfasst durch Pfarrer Bruno Münch.

 

 

Predigt am 22.9.19 in Roßfeld:

Irgendwo im Nirgendwo

 

Text: Genesis 28,10-19

 

 

 

Liebe Mitchristen,

 

so weit war es gekommen mit Jakob. Was hatte er für hochtrabende Pläne gehabt, wie wollte er mit dem Erbe seines Vaters weit kommen. Doch jetzt war er, bevor er richtig zum Höhenflug ansetzen konnte, unsanft auf dem Boden der Tatsachen gelandet – der Tatsachen, die sich gegen ihn gewendet hatten.

 

So weit war er gekommen mit seiner üblen Trickserei. Nichts Besseres hatte er sich ausgedacht, als seinen Bruder zu betrügen. Gewiss, seine Mutter hatte ihn erst auf die Idee gebracht, als sie ihm gesagt hatte: „Gib dich doch für deinen Bruder aus, dein alter Vater checkt das ja doch nicht mehr. Geh hin und hol dir seinen Segen ab, und ich helfe dir dabei.“

 

Seine Mutter hatte ihn auf die Idee gebracht, aber ausgeführt hat er es mit Feuereifer selbst. Er hat betrogen, nicht seine Mutter. Es kam, wie es kommen musste: Der Betrug hatte zunächst Erfolg, Jakob hat sich den Segen des Vaters erschlichen – danach aber ist alles aufgeflogen. Sein Bruder, der Betrogene, hat Verwünschungen gegen Jakob ausgestoßen und Todesdrohungen: „Wenn ich den in die Finger kriege, ich bringe ihn um!“

 

So weit war es mit Jakob gekommen, dass er Hals über Kopf abhauen musste, möglichst viele Kilometer zwischen sich und seinen Bruder bringen. Jetzt war er einen Tagesmarsch weg von Beerscheba, in der Einöde gelandet. Im Nirgendwo.

 

Vielleicht blickte er kurz zurück, soweit es seine Kräfte noch zuließen – aber nicht voller Stolz, wohl eher bereuend: dass er sich so verhalten hatte, oder doch zumindest, dass er den Betrug nicht geschickter eingefädelt hatte. In dem Alter, in dem man als Mensch vielleicht mit ein bisschen Stolz zurückblickt, war er auch noch nicht – doch ob er dieses Alter und Grund zu Stolz überhaupt erreichen würde, war jetzt mehr als fraglich.

 

Jakob hatte hoch kommen wollen – wer kennt das nicht. Menschen heute unterscheiden sich kaum von Jakob damals. Auch hier handelt es sich wieder um eine Geschichte, die unabhängig von ihrem wirklichen Geschehen immer wieder wahr ist: Er hatte hochkommen wollen, dabei war ihm fast jedes Mittel recht. So war er auch vor dem Betrugsversuch nicht zurückgeschreckt – und nicht einmal, dass der Betrug seinem eigenen Bruder galt, und dass er seinen Vater täuschen musste, hat ihn zurückgehalten.

 

Die Dollar oder Euro hatte er nicht vor sich glitzern sehen, die Menschen heute gerne sehen. Aber die Erfolgs- und Karriereleiter. Hand aufs Herz: Wer von Ihnen wollte nicht in seinem Leben mindestens ein paar Sprossen hinaufklettern? Dass es dann eine ganz andere Leiter wurde, die Jakob zu Gesicht bekam, hätte er sich noch nicht einmal träumen lassen. – Gibt es nicht auch heute Menschen, die von der Karriereleiter träumen und dann irgendwann spüren – hoffentlich nicht zu spät -, dass der Weg zu ihrem Glück ganz anders ist?!

 

Seine Ellbogen hat Jakob nicht verwendet – dafür war er nicht der Typ. Trotzdem ist es brachialer Rücksichtslosigkeit. Was sein Betrug für andere ausmacht, vor allem für seinen Bruder Esau, hat er nicht bedacht. Ohne Rücksicht auf andere wollte Jakob sein Leben verwirklichen – wie modern kommt einem das vor. Und irgendwie beruhigend, dass es nicht gelingt. Aber vielleicht noch beruhigender, dass sogar der, der getrickst hat und dessen Trickserei aufgeflogen ist, noch eine Chance bekommt.

 

Die brachiale Rücksichtslosigkeit war auf Jakob selbst zurückgefallen – konnte er sich darüber wundern? Konnte er sich darüber wundern, dass sein Bruder Esau jetzt genauso reagierte – und jetzt im Wortsinn brachial: Esau wollte seinen Bruder jetzt fertig machen. Das war seine Art.

 

Da stand er nun, Mamis verhätschelter Liebling. Aber Mami Rebekka konnte ihm nicht mehr helfen. Jetzt war Jakob auf sich allein gestellt – was sollte er tun? Die Karriereleiter war er hinuntergepurzelt, bevor er auch nur eine weitere Sprosse erklimmen konnte. Jakob stand, sagen wir es so deutlich, vor dem Nichts. Dass er jetzt auf dem Weg war zu seinen Vorfahren, die er noch nicht einmal kannte, zeigt eigentlich bloß seine ausweglos scheinende Lage. Es war weniger als ein Strohhalm, von dort Hilfe zu erhoffen.

 

„Jakob zog aus von Beerscheba“: Wie man doch durch bloße Worte einen Sachverhalt positiv oder negativ darstellen kann! Dieses Ausziehen klingt so, als ob Jakob alles in der Hand hätte. Wie bei seinem Vorfahren Abraham, der auf Gottes Verheißung hin auszog in eine verheißungsvolle Zukunft, ins versprochene Land.

 

Jakob zog aus“ klingt aktiv – aber was blieb ihm jetzt anderes übrig! Er hatte keine echte Wahl mehr, wenn ihm sein Leben wichtig war. Er war zum Ausziehen gezwungen.

 

Jakob zog aus“ klingt so, als ob er der große Macher wäre: er zog aus, um ein großes Imperium aufzubauen, um in der neuen Welt sein Glück zu machen – mitnichten, er wurde getrieben. Aus freien Stücken tat er das nicht. Da wäre er lieber als Mamis Liebling zuhause geblieben, im mehr oder weniger gemachten Nest.

 

Jakob zog aus“ klingt nach großem, geplantem Aufbruch in eine neue, blendende Zukunft – es ist nichts weniger als das. Es ist seine letzte Chance, sein Leben wieder in ordentliche Bahnen zu leiten. Das namenlose Irgendwo als Zwischenstation mit dem Stein, auf den er seinen Kopf zur Ruhe legte ist meilenweit von einer blendenden Zukunft entfernt.

 

„Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“ heißt ein Märchen der Brüder Grimm. Dieser Titel fiel mir ein beim Ausziehen von Jakob. Sich zu fürchten musste Jakob bei seinem Auszug beileibe nicht mehr lernen, das hatte er sich selbst eingebrockt. Die Furcht vor den Folgen seiner Betrügerei, die Furcht vor seinem Bruder war mit Händen zu greifen.

 

Irgendwo im Nirgendwo ist Jakob gelandet. Doch genau dort, an einem Ort, der vorher nicht einmal einen Namen hatte, den man deswegen auch nicht finden konnte, sieht er im Traum Gott. Wie aus dem Nichts kommt es zu einem der faszinierendsten Ereignisse im Alten Testament: Jakob sieht im Traum die Leiter von der Erde bis zum Himmel, an deren oberem Ende Gott steht und auf der Engel hinauf- und hinuntersteigen.

 

Ist es ein heiliger Ort, ein ganz besonderer Ort? Ein magischer Ort, der vorher nur noch nicht gefunden worden war? „Bethel“ nennt Jakob diesen Ort, „Haus Gottes“, und er sagt: „Hier ist die Pforte des Himmels, wie heilig ist dieser Ort!“

 

Nein, Jakob hat Unrecht – oder wir haben Unrecht, wenn wir ihn so verstehen: Es ist nicht der Ort, der etwas Besonderes wäre. Der Ort ist ein Irgendwo im Nirgendwo. Besonders wird dieser Ort in diesem Moment dadurch gemacht, dass Gott erscheint. Dazu braucht Gott keine magischen Orte. Gott erscheint, wo er will, weil er will, wann er will und wem er will - auch irgendwo im Nirgendwo.

 

Was das für uns bedeutet? Wir müssen nicht nach Lourdes pilgern oder nach Rom oder nach Santiago de Compostela, um Gott zu begegnen, ihn zu spüren, von ihm angesprochen zu werden – auch wenn uns Etappen auf dem Jakobsweg sicher gut tun würden. Wir müssen offen sein und versuchen, Gottes Ansprache auch wahrzunehmen. Auch uns begegnet Gott – vielleicht in einer existenziellen Krise wie bei Jakob, vielleicht auch ganz profan. Wie Gott mit den Vorfahren Jakobs längst einen Bund geschlossen hatte durch Abraham, so hat er auch mit uns einen Bund geschlossen durch Jesus Christus und die Taufe. Er begegnet uns irgendwo im Nirgendwo. Ich kann von solchen Begegnungen erzählen – Sie auch?

 

                                          Amen

 

Lied: 329,1-3 „Bis hierher hat mich Gott gebracht“