Auslegung von Gottes Wort im Mittelpunkt

Hier können Sie in unregelmäßigen Abständen aktuelle Predigten lesen, jeweils verfasst durch Pfarrer Bruno Münch.

 

 

Lesepredigt für 26.4.2020 von Pfarrer Bruno Münch

 

Text: 1. Petrus 2,21-25: „Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen; er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt, es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet; der unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.“

 

 

 

Liebe Mitchristen, liebe Leserinnen und Leser!

 

Jesus das Vorbild

 

Was haben Noah Becker, Thomas Beckenbauer und Karis Jagger gemeinsam? In einem normalen Gottesdienst in der Martinskirche hätte ich Ihnen am Anfang diese Frage gestellt und hätte Sie ein bisschen der Spannung überlassen. Vielleicht hätte ich bei Karis auch nicht „Jagger“ gesagt, sondern Watson, um die Frage ein bisschen schwerer zu machen.

 

Aber nun sind wir leider nicht in der Martinskirche zum Gottesdienst - ich vermisse es und bin bisher jeden Sonntag dort gesessen. So muss ich die Frage in dieser Form stellen, und die Antwort folgt: Alle drei sind Kinder berühmter Eltern: Noah Becker ist Sohn von Boris Becker, Thomas Beckenbauer der älteste Sohn von Franz Beckenbauer, und Karis Jagger – längst verheiratete Watson – Tochter von Mick Jagger von den Rolling Stones.

 

Alle drei wandeln sie nicht in den Fußstapfen ihrer berühmten Väter.  Das haben sie auch gemeinsam. Tauschen möchte ich mit allen drei nicht. Ja gewiss, diese Kinder sind in die Annehmlichkeiten des Lebens hineingeboren worden. Wofür andere kämpfen müssen, ist ihnen in den Schoß gefallen. So ist es, wenn man von Geburt an reich ist. Auch das haben sie gemeinsam.

 

Aber welche Erwartungen konnten an sie herangetragen werden: Wenn man Beckenbauer heißt, muss man doch ein begnadeter Fußballer werden. Wenn man Jagger heißt, muss man das musikalische Talent geerbt haben.

 

Sie merken, wie groß Fußstapfen sein können – und wenn ein Jugendlicher irgendwann merkt, dass sein Fußabdruck nicht in diese Fußstapfen hineinpasst, kann es gnadenlos sein. Nicht von ungefähr sind manche Kinder von Berühmtheiten zerbrochen – an den Erwartungen der Gesellschaft, aber vielleicht noch mehr an ihren eigenen Erwartungen.

 

„Ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen“ wird von den Leserinnen und Lesern des zweiten Petrusbriefes erwartet. „Seine Fußstapfen“, das sind die Fußstapfen Jesu Christi – aber sind die für einen Menschen nicht reichlich groß? Muss nicht jeder Mensch scheitern, der sich an dieser Aufgabe versucht?

 

„Er hat euch ein Vorbild hinterlassen“ heißt es außerdem. Mit dem, was hinterlassen worden ist, mit den Hinterlassenschaften hat man aber so manchmal seine liebe Mühe und Not. Da sind die Hinterlassenschaften, die man manchmal auf der Straße findet, oder die Landwirte in Wiesen finden: Hundehaufen. Nein, diese Hinterlassenschaften will niemand.

 

„Was hast du wieder für einen Saustall hinterlassen!“ So manches Kind hat genau diesen Satz schon öfter von seinen Eltern zu hören bekommen, wenn es zum Beispiel um sein Zimmer ging. Aber ganz allgemein kommt es immer wieder vor, dass jemand auf- und wegräumen muss, was andere hinterlassen haben. Mietnomaden sind ein besonders berüchtigtes Beispiel dafür, oder verseuchte Grundstücke, wie es in Maulach war.

 

Oft hat dann jemand gar keine andere Wahl, als sich den Hinterlassenschaften, für die er selbst nichts kann, zu stellen und sie aus dem Weg zu räumen. So wie letztendlich Eltern aufräumen müssen, muss oft ein Mensch für die Rückstände einstehen, die ein anderer verursacht hat.

 

So sind die Hinterlassenschaften von Jesus Christus nicht, sondern „er hat euch ein Vorbild hinterlassen“ - kein anrüchiges Vorbild, sondern ein leuchtendes – trotzdem kann man damit seine Probleme haben, wenn man weiß, dass man daran nie auch nur im entferntesten heranreichen wird.

 

Wenn man – zum Beispiel als Pfarrer – eine neue Stelle antritt, kann man sich fast glücklich schätzen, wenn der Vorgänger oder die Vorgängerin nicht sehr beliebt war. Sonst hat man zu kämpfen, weil man am leuchtenden Vorbild gemessen wird. Das Schlechteste, was man als Vorgänger haben kann, ist ein beliebter Vorgänger – auch wenn das ein bisschen vereinfacht ist.

 

Die Erwartungen wären hoch, die Vergleiche würden gezogen werden – im schlimmsten Fall kann man daran zerbrechen: Vielleicht wird man zum Workaholic, um es den Menschen recht zu machen, und muss merken, dass man es nicht schafft. Vielleicht geht man auf innere Distanz und verliert die Freude an seinem Beruf.

 

Wenn das so ist, was hat der Verfasser des Ersten Petrusbriefes den Empfängern angetan mit diesem Satz: „Christus hat euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen“? Oder hat Jesus Christus selbst ihnen das angetan – uns das angetan?

 

Die Nachfolger

 

Blicken wir auf die Jünger: Sie hatten dieses Vorbild unmittelbar vor sich, sie hatten das Vorbild erlebt und mit ihm zusammen gelebt. Sie hatten von ihm den Auftrag bekommen, das weiterzuführen, was er angefangen hat: „Gehet hin in alle Welt und lehret alle Völker …“ (Matthäus 28,16). Fußstapfen, die sie nicht ausfüllen konnten. Sie mussten an dieser Aufgabe unbedingt scheitern – müsste man denken.

 

Sind sie daran zerbrochen? Wir wissen längst nicht von allen etwas – aber bei denen, von denen wir noch etwas wissen, kann man sagen: Sie sind nicht zerbrochen. Bei Petrus wissen wir, dass er sogar in Rom das Evangelium verkündigt hat. Johannes war in Syrien. Thomas soll bis nach Indien gekommen sein.

 

Ja, einige wurden körperlich gebrochen. Sie wurden wegen ihrer Verkündigung hingerichtet. Das Andreaskreuz an Bahnübergängen hat seinen Namen von der Hinrichtungsart, die der Jünger Andreas erlitten hat. Aber zerbrochen an ihrem Auftrag sind sie nicht, sondern haben sich ihm mutig und tatkräftig gestellt.

 

Fragen kann man sich, wieso sie nicht zerbrochen sind. Ich denke, von außen sind keine Erwartungen auf sie projiziert worden. Jesus war für Außenstehende kein Star. Und sie selbst wussten von vorneherein, dass sie nicht sein können wie Jesus.

 

Jesus hat ein Vorbild hinterlassen, stellt der Erste Petrusbrief fest. Aber was ist vorbildlich bei Jesus? Wer sich durch die theoretischen dogmatischen Begriffe des Predigttextes durchkämpft, kommt darauf: Es geht darum, wie er mit Menschen umgegangen ist und was er für Menschen gemacht hat. Beispiele sind: „Er hat nicht widergeschmäht“ und „er hat nicht gedroht“.

 

Es war in einer Zeit, in der auch im Alten Israel die Regel „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ galt – diese Regel war gegenüber der Blutrache sogar fortschrittlich, weil sie die Rache begrenzte. Blutrache sagt: Wenn ein Mitglied eines Familienclans einem Mitglied aus einem anderen Familienclan etwas antut, darf sich jeder des anderen Clans an jedem aus dem verursachenden Clan rächen.

 

Das Prinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ aus dem Alten Testament begrenzt das deutlich: „Ein Auge um ein Auge, und fertig.“ Aber Jesus ging viel weiter: Denen, unter denen er gelitten hat, kündigte er keine Vergeltung an, nach dem Maßstab „eine Kreuzigung für eine Kreuzigung“, sondern er hat für sie gebetet: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Der Predigttext sagt es nüchtern und prägnant: „Er drohte nicht, als er litt.“ In der Bergpredigt sagt er: „Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.“ So ist er mit Menschen umgegangen.

 

Was er für Menschen gemacht hat? Um im Bild zu bleiben: Er ist seinen Weg gegangen, um unsere Hinterlassenschaften wegzuräumen. Die Bibel spricht davon, dass Gott bei der Schöpfung Ordnung in das Chaos gebracht und damit Tod und Teufel ausgegrenzt hat. Sündenfall bedeutet, dass der Mensch sich gegen diese Ordnung auflehnt und Tod und Teufel wieder die Tür öffnet. Der Mensch bringt wieder Chaos in die Ordnung.

 

Man muss es nicht auf die Umweltprobleme beschränken, die der Mensch verursacht. Jede Übertretung der Gebote, so wie Jesus sie ausgelegt hat, ist ein Rückfall in die Unordnung und trennt von Gott und vom Paradies. Jesus ist bereit, diese Hinterlassenschaften wegzuräumen. Bitten wir ihn darum.

 

Ja, bitten wir. Liebe Mitchristen, trauen Sie der Kraft des Gebets etwas zu. Bitten wir miteinander und doch jeder getrennt für unsere Politikerinnen und Politiker, dass sie die richtigen Entscheidungen zum Wohl von Mensch und Umwelt treffen. Bitten wir für die Menschen auf der Schattenseite des Lebens. Bitten wir um Einsicht, um Nächstenliebe, um Demut. Ich bin überzeugt, dass Gott uns erhören wird.

 

                                          Amen

 

 

Predigt am 19.4.2020 „Es fängt neu an“

Text: Jesaja 40,26-31: „Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt. Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«? Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“

Die große Neuigkeit

„Weißt du schon das Neuste?“ Ich habe noch die Nachbarin Emma aus meinen Kinderzeiten vor meinem geistigen Auge, wie sie manchmal zu uns kam und ganz aufgeregt eine Neuigkeit loswerden wollte. In einem Dorf in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts gab es nicht so viele sensationelle Neuigkeiten – aber wenn, dann mussten sie ausführlich diskutiert werden und machten in Windeseile die Runde.

 

Die Stimme der Nachbarin konnte dabei überschnappen, ganz schnell, fast atemlos musste sie die Neuigkeit loswerden. Dass in einem Haus eine junge Katholikin eingezogen ist, das war in einem noch fast rein evangelischen Dorf eine Neuigkeit, über die man lange gesprochen hat. Dass ein Bauer von der Leiter gefallen ist und sich den Rücken geprellt hat: „Hoffentlich ist es nichts Schlimmeres!“ Dass einem beim Obstpflücken die Leiter weggerutscht ist, weil sie nicht richtig befestigt war, und er sehr unsanft auf dem Boden gelandet ist, sorgte dazu noch für Schmunzeln. Dann konnte manchmal auch noch die Stimmung überschnappen – vor Betroffenheit oder auch mal vor Lachen.

 

Sicher konnte man sich sein, dass die Neuigkeit schnell durchs ganze Dorf lief. Jeder wollte sie weitergeben, jeder wollte durch das Weitergeben auch für einen Augenblick im Mittelpunkt des Interesses stehen. Viel schneller als ein Virus hat sich eine solche Nachricht verbreitet – und weil es wenige Nachrichten gab, konnte schon eine Nachricht bedeutend sein, die heutzutage niemanden mehr groß interessieren würde.

 

„Weißt du nicht? Hast du nicht gehört?“ heißt es in der Mitte des Predigttextes aus dem Jesajabuch. Wenn Sie es jetzt noch einmal lesen, bitte ich Sie, es ganz dramatisch zu lesen. Stellen Sie sich dazu die Nachbarin vor, die mit einer neuen Nachricht kommt. Die Stimme muss überschnappen, atemlos strömt die Nachricht heraus: „Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt …“

 

Ich stelle mir vor, dass die Szene verfilmt wird. Dann kommt nicht mehr die Nachbarin, sondern ein Herold in den Ort, steht auf dem zentralen Platz, bringt sich in Position: „Hört her, die neuste Nachricht wird bekannt gegeben.“ Trommeln wirbeln und steigern die Spannung bis fast ins Unerträgliche. Die sensationelle Botschaft, der Höhepunkt kommt …

Die Botschaft ist: „Gott wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.“ Es ist genau das Gegenteil von dem, was wir Menschen erleben: Wir werden müde und matt. Wir erleben, dass wir schlapp werden, dass unsere Kräfte zu Ende gehen. Auch wenn wir es uns oft nicht eingestehen wollen: Wir erleben, dass unser Verstand Grenzen hat. Gott dagegen ist unvergleichlich, er ist sensationell. Das ist die Sensationsbotschaft dieses Propheten.

 

Das Prophetenbuch Jesaja besteht aus unterschiedlichen Teilen, die in verschiedenen Zeiten entstanden sind. Im ersten Teil wird der Niedergang angekündigt, weil das Volk sich nicht auf Gott und seine Gebote einlassen will. - Jetzt ist der Niedergang längst geschehen. Die Kräfte des Volkes Israel sind nicht nur schwach, sie sind längst nicht mehr da. Es gibt dieses Volk faktisch nicht mehr, seine Menschen sind in alle Länder zerstreut. Da schickt Gott einen neuen Propheten zu diesen Menschen in der Verbannung. Seine Botschaft beginnt in Kapitel 40: „Tröstet, tröstet mein Volk“, spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist.“

 

Die bescheidene Lage

Die Menschen hören diese neue Sensationsbotschaft. Aber mancher sagt müde: „Schön wär’s! Wie soll diese Wende kommen? Was wir tagtäglich sehen, ist doch etwas ganz anderes!“ Die Bereitschaft, die gute Botschaft zu hören, ist in vielen Kreisen nicht besonders groß angesichts der aktuellen Umstände. Wenn man im Loch drin sitzt, sieht man nicht mehr hinaus. So droht die Botschaft zum Rohrkrepierer zu werden, bevor sie richtig bekannt werden kann.

Die Menschen sehen, wie es in Wirklichkeit aussieht: „Männer werden müde, und Jünglinge straucheln und fallen.“ Nein, es geht dabei nicht um Männer und Jugendliche. Sie stehen nur sinnbildlich für Stärke, sie lassen sich am wenigsten leicht unterkriegen. Aber selbst dies Starken fallen zu Boden.

Vergleichbar ist das mit dem Boxer, der angeschlagen in den Seilen hängt oder der gar schon k.o. am Boden liegt. Er ist am Boden, wie soll da noch eine Wende erreicht werden? Das Volk ist am Boden, eine Wiederaufrichtung wäre mehr als ein Wunder. Die meisten der Hörerinnen und Hörer dieses Propheten werden müde abgewinkt haben: Das sind doch nur Durchhalteparolen, die längst keinen Zweck mehr haben.

 

Genau da aber setzt der Prophet an: „Männer werden müde und matt, … aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft“. - „Milch macht müde Männer munter“ hieß es in einer gelungenen Werbekampagne vor einigen Jahren. Dagegen könnte man setzen: Gott macht müde Männer viel munterer. Gott macht alle wieder munter, die ihr Vertrauen auf ihn setzen.  So kommt selbst in den Menschen, der am Boden zerstört ist, durch Gottvertrauen wieder neues Leben, neue Munterkeit.

Die Verkündigung, die Mutbotschaft des Propheten traf auf ganz andere Erfahrungen: „Bin ich Gott ganz egal“ konnten in den Jahren zuvor viele der Israeliten gedacht haben. „Hat Gott mich vergessen oder verlassen? Hat er sich von seinem Volk abgewandt?“ Oder mit drastischen Worten, die normal nicht druckreif sind – aber was ist schon druckreif, wenn ein Mensch mehr tot als lebendig ist: „Bin ich Gott scheißegal?“

 

Der Prophet sagt es vornehmer, aber nicht weniger deutlich: „Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber.“ Jesus Christus hat Jahrhunderte später am Kreuz dieselbe Erfahrung in Worte gebracht, als er mit dem Psalmgebet (Psalm 22) gesprochen hat: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Was war zur Zeit des Propheten gewesen? Mit einem Satz: Für das Volk Israel war alles zusammengebrochen. Alles war am Boden, kein Stein mehr auf dem anderen, man konnte keine Zukunft mehr sehen.

 

Der eigene Staat war längst Geschichte, nichts war mehr zu sehen vom stolzen Staatsgebilde von König David, seitdem die Babylonier Land und Hauptstadt erobert hatten. Der Tempel, dieses großartige Symbol für das Gottesvolk und für die Gottesnähe, an dem alle sich festgehalten hatten, war bis auf die Grundmauern zerstört. Nicht nur entheiligt worden war der Tempel durch die Heiden, sondern ausradiert. Das Volk selbst war in alle Winde zerstreut. Nicht nur die Oberschicht war deportiert nach Babylon: „An den Ufern von Babylon saßen wir und weinten“ heißt es im Psalm. (Psalm 137)

 

Das ganze Volk Israel hat diese Erfahrungen gemacht. Mancher von uns hat solche Erfahrungen der Gottverlassenheit und Hoffnungslosigkeit auch schon als einzelner gemacht: Ich denke an die einsamen Menschen, die in den eigenen vier Wänden hocken und Tag für Tag kaum eine andere menschliche Stimme hören. Gerade diese Krise muss unsere Augen mehr auf diese Einsamen lenken, die müde, matt und hoffnungslos sind.

 

Ich denke an den todkranken jungen Menschen, für den es nach Jahren des Leidens und der Qual offensichtlich dem Ende zugeht. Wie lange hatte er gehofft und war dann wieder am Boden zerstört, wenn ihn die nächste Hiobsbotschaft in seiner Krankheit erreichte. Immer wieder kämpfen und immer wieder Hoffnungslosigkeit erkennen müssen macht müde und matt.

 

Ich denke an Angehörige von Menschen, die im Sterben liegen. Sie haben auch mitgekämpft, sie haben alle verfügbaren eigenen Kräfte eingesetzt, vergeblich. Und das eigentliche Tief wird nach dem Tod erst noch kommen. „Müde und matt“ ist für ihren Zustand gar kein Ausdruck.

 

Ich denke an Eltern, deren Baby schwerkrank geboren wird. Sie erleben Tag und Nacht Ängste um ihr Kind. Die Sorgen, ob das Kind überleben wird, ob es gar gesund wird, drücken sie nieder.

Ich denke an die Menschen, die in den Flüchtlingslagern in Griechenland hocken. In ihrem Heimatland hatten sie keine Perspektive, sind geflohen wegen Verfolgung oder drohendem Hunger. Im Lager haben sie auch keine Perspektive, und eine Zukunft für sich sehen sie auch nicht. Weiter kommen sie nicht, zurück können sie auch nicht mehr.

„Bin ich Gott egal?“: Diese Frage aus der Zeit des Propheten können sich Menschen heute noch genauso stellen wie damals, und diese Fragen werden auch in der Zukunft noch kommen.

Die neue Hoffnung

„Hebt eure Augen in die Höhe und seht“ hat der Prophet am Anfang des Predigttextes zu den Menschen gesprochen.  Wie oft mögen sie vorher mit den Worten des Psalms (121) das Bittgebet gesprochen haben: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, woher kommt mir Hilfe?“

Jetzt kommt diese Aufforderung, die sie an ihre Gebete erinnert. Jetzt sollen sie ihre Augen aufheben und den großen Gott erkennen, dessen Hilfe nahe ist: „Seine Macht ist so groß“, dass selbst die Heerscharen im Himmel mit einer Stimme reden, alle hinter Gott stehen, dass keiner auch nur daran denkt auszuscheren. Und jetzt kommt die Sensationsbotschaft für das geschlagene und gedemütigte Volk: „Weißt du nicht? Hast du nicht gehört?“: „Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt.“  Jetzt ist Gott wieder spürbar, jetzt kann die Brust, die vor Angst zusammengeschnürt ist, wieder weit werden. Jetzt kann man wieder aufatmen.

Vergleiche drängen sich mir auf:

Zu den Jahren nach 1945: Alles war darnieder gelegen, alles kaputt. Aber aus den Kirchen tönten wieder die Mutworte.  Ganz langsam, aber unwiderstehlich hat es sich durchgesetzt: „Wir sind wieder wer – wir dürfen wieder aufstehen.“

Zur Kreuzigung Jesu: Alles schien vorbei. Jesus war tot, die Jünger zerstreut. Aber dann kam die sensationelle Hoffnungsbotschaft von der Auferstehung. Seitdem gibt es Jahr für Jahr nicht nur an Ostern die Sensationsbotschaft: „Der Herr wird nicht müde noch matt“, seine Kraft ist so unermesslich groß, dass er es sogar mit dem Tod aufnehmen kann.

Zur Corona-Krise: Auch jetzt sind Menschen in Angst. Manche liegen am Boden durch die Krankheit oder weil das, was sie sich aufgebaut haben, kaputt zu gehen droht. Die Sensationsbotschaft für sie: Gott ist stärker. „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft“, und werden wieder auf(er)stehen können – „dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler“.

 

Der Adler war schon in der Antike Symbol für die Auferstehung. Wie er in die Luft gleitet, werden ins Leben gleiten können die, die „auf den Herrn harren“. Gott hat Macht sogar über den Tod.

 

                                   Amen

 

Liebe Leserinnen und Leser, danke für so manche Rückmeldungen zu den letzten Predigten. Sie haben mich ermutigt, weiterzuschreiben und auf diesem Weg verteilen zu lassen.

Ich freue mich über jeden, der sich bei mir meldet – auch mit anfragen, Nöten und Sorgen, und gerne auch mit Dank.  Sie könne das tun über Telefon 0795122571 oder mail bruno.muench@elkw.de

 

Ich wünsche Ihnen, dass Sie gesund bleiben oder gesund werden. Gottes Segen begleite Sie!

Ihr B. Münch

 

 

Ostergeschichte 2020 „Wie ein Schmetterling“

 

Grundlage: Markus 16,1-8:  Als der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, des Jakobus Mutter, und Salome Spezerei, auf dass sie kämen und salbten ihn. Und sie kamen zum Grabe am ersten Tag der Woche sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? Und sie sahen dahin und wurden gewahr, dass der Stein abgewälzt war; denn er war sehr groß. Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Kleid an; und sie entsetzten sich. Er aber sprach zu ihnen: „Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten; er ist nicht hier. Seht da die Stätte, wo sie ihn hinlegten! Gehet aber hin und sagt’s seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa, da werdet ihr ihn sehen, wie er gesagt hat.“ Und sie gingen schnell heraus und flohen von dem Grabe; denn es war sie Zittern und Entsetzen angekommen. Und sie sagten niemand etwas, denn sie fürchteten sich.

 

Liebe Mitchristen, liebe Kinder!

 

Wieso ihr Blick ausgerechnet auf die Raupe gefallen war an jenem zweiten Morgen nach der Kreuzigung Jesu, hätte Salome nachher nicht mehr zu sagen gewusst. Wie vereinbart mit den beiden Marias, war sie früh von ihrem Nachtlager aufgestanden. Der Morgen dämmerte gerade erst. Eine dicke fette Raupe kroch Richtung Fenster – oder nein, sie kroch wohl gar nicht mehr. Sie wirkte wie tot.

 

Eigentlich war das jetzt total nebensächlich, aber manchmal bleiben einem die Nebensächlichkeiten in Erinnerung. Diese Raupe war fast unbeweglich. Sie hatte sich vollgefressen bis zum Geht nicht mehr. In normalen Zeiten hätte Salome gesagt, dass sie sich zu Tode gefressen hat. Aber das schien ihr angesichts des Todes Jesu völlig unangemessen.

 

Nach Lachen war Salome jetzt auch nicht zumute – ganz im Gegenteil: Sie war tieftraurig. Jesus war tot. Nach dem Tod war das jetzt schon der zweite Morgen. Salome konnte sich ein Leben ohne Jesus gar nicht mehr vorstellen. Seit Jesus in ihr Leben getreten war, hatte sich alles verändert. Freude hatte dadurch ihr ganzes Leben erfasst. Aber jetzt war alles vorbei. Wie sollte es in ihrem Leben weitergehen?

 

Jesus war ihr großer Meister gewesen. Bei jedem seiner Worte hatte sie ihm an den Lippen gehängt, sie hatte seine Worte aufgesogen. Ja gewiss, er hatte auch über seinen Tod gesprochen, sogar mehr als einmal. Aber Salome hatte das gerne in die ferne Zukunft verschoben, wie die anderen Freunde Jesu auch.

 

Salome hatte Jesus bewundert. Nein, sie konnte es nicht so prägnant ausdrücken wie zum Beispiel Petrus, der gesagt hatte: „Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn.“ Aber auch sie war der Meinung gewesen, dass Jesus einzigartig ist und nie dagewesen.

 

Jetzt war mit einem Schlag alles anders. Mit den Hammerschlägen, welche die Nägel in die Hände und Füße Jesu getrieben hatten, um ihn ans Kreuz zu hängen, war auch ihr Leben grundlegend niedergeschlagen worden. Salome war am Boden.

 

Salome konnte sich kaum zu irgendetwas aufraffen. Am liebsten wäre sie den ganzen Tag auf ihrem Ruhelager geblieben. Oder noch besser: Am liebsten hätte sie sich in ein Mauseloch verkrochen, unsichtbar gemacht. Sonst waren ihr die alltäglichen Handgriffe leicht von der Hand gegangen, jetzt fühlte sich alles so unendlich schwer an.

 

„Wie die fette Raupe, die kaum mehr ein Bein vor das andere setzen kann“, dachte Salome. „Nur dass ich mich nicht überfressen habe, sondern von den Ereignissen niedergeschlagen wurde.“

 

Sie hatte es trotzdem geschafft, aufzustehen und sich anzukleiden. Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, hatten sie am Abend vorher angesprochen: „Salome, wir wollen morgen mit Salben zur Grabhöhle gehen, um den Leichnam einzucremen. Geh doch auch mit!“

 

Lange überreden mussten sie Salome nicht. Auch wenn ihr nicht danach war, sich überhaupt irgendwohin zu bewegen: Bei einem letzten Liebesdienst für Jesus wollte sie doch dabei sein. Schließlich gehörte es sich, einen Leichnam zu salben.

 

„Lasst uns jetzt aufbrechen, um Jesus zu salben“ hatte eine der beiden Marias gesagt, und dann hatte sie sich verbessert, mit stockenden Worten: „Nein, um seinen Leichnam zu salben.“ Fast wären den Frauen wieder die Tränen gekommen.

 

Inzwischen waren sie auf dem Weg. Aber nachgedacht hatten sie alle drei nicht richtig. Sonst hätten sie überlegt, wie sie den großen Steinbrocken vom Grab wegbekommen sollen, der die Öffnung versperrte. Sonst hätten sie vielleicht männliche Jünger mitgenommen. Aber wie soll man in einer solchen Trauer noch einen klaren Gedanken fassen können?

 

In aller Frühe hatten sie sich auf den Weg gemacht, die Sonne konnte man bisher bloß erahnen. Kein anderer Mensch war unterwegs. Nur ein paar herrenlose Hunde strichen durch die Gassen. Nein, es ging ihnen gar nicht so sehr darum, nicht gesehen zu werden. Die Angst war es nicht, sonst hätten sie sich diesen Weg ganz erspart.

 

Sie wollten vielmehr niemanden sehen. Sie waren so sehr mit ihrer Trauer beschäftigt, dass sie den Anblick fremder Menschen lieber nicht ertragen wollten. Die drei Frauen gingen auch nicht schnell. Es waren keine mutige, raumgreifende Schritte, sondern zögerliche, kleine Vorwärtsbewegungen.

 

Salome kam sich fast so vor, als ob sie kriechen würde. Der Weg schien ihr sehr lang. Sie warf einen Blick auf die beiden anderen, denen es offensichtlich ähnlich ging. Es war kein leichtes, befreites Fortschreiten, sondern eher ein Kriechen. Es war nicht wie bei den Schmetterlingen, die ihnen sicher auf dem Heimweg begegnen würden und übe die sie sich heute gewiss nicht freuen könnten, sondern wie bei einer Raupe.

 

Erst kurz vor der letzten Wegbiegung fiel ihnen ein: „Wir haben den Felsblock ganz vergessen! Wie sollen wir diesen Brocken vom Grabeingang weg bekommen?“ Fast wären sie wieder umgekehrt, aber da waren sie schon um die Kurve herum und hatten freien Blick auf das Grab.

 

Doch was war das: Das Grab war offen, der mannshohe Felsblock lag neben der Öffnung. Irgendjemand oder irgendetwas hatte ihn weggerollt. Salome nahm das unwillkürlich wahr, ohne es begreifen zu können. Genauso sah sie, dass die römischen Soldaten, die als Wachen eingeteilt waren, nicht wachten, sondern anscheinend schliefen.

 

Aber sie hatte gar keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Es war, als ob sie mit ihrem Körper in einen Tunnel hineingezogen würde: Dieser Tunnel führte sie schnurstracks zum Grab hin, sie konnte nicht mehr nach rechts oder nach links sehen geschweige denn gehen. Sie fühlte sich von diesem Grabeingang wie magisch angezogen. Den anderen beiden ging es offensichtlich genauso, denn am Grabeingang mussten sie sich hintereinander einsortieren.

 

Salome hatte erwartet, dass es im Grab ziemlich dunkel ist. Das war es aber nicht: Ein leuchtend weißes Licht ging von einer Gestalt aus, die auf der rechten Seite saß – oder schwebte sie? Salome konnte es nicht sicher sagen. Aber sie sah, dass diese Gestalt nicht niedergedrückt wirkte, sondern im Gegenteil leicht und beschwingt.

 

Jetzt fing diese Gestalt – es musste ein Engel sein - auch noch an zu reden: „Fürchtet euch nicht“, sagte sie. „Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten.  Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Seht da die Stätte, wo sie ihn hinlegten.“

 

Die Augen von Salome wanderten ganz automatisch zu dem Platz, an den Jesus gelegt worden war: Nein, der Leichnam, den sie salben wollten, war nicht da. Zu sehen waren nur das Schweißtuch und die Leinentücher, in welche die Leiche eingewickelt worden war. Es sah aus, als ob Jesus von seinem Nachtlager aufgestanden wäre und die Decken ganz ordentlich zusammengelegt hätte.

 

Während Salome das alles sah, hörte sie den Engel weiterreden: „Geht und sagt seinen Jüngern, dass Jesus vor euch hingehen wird nach Galiläa, dort werdet ihr ihn sagen, wie er euch gesagt hat.“ Es dauerte einen Augenblick, dann war es dunkel in der Grabhöhle. Der Engel war verschwunden.

 

Es dauerte noch ein paar Augenblicke, bis Bewegung in die Frauen kam. Jetzt war es aber eine ganz andere Bewegung: Nicht schweren Schrittes schlurften sie, sondern jetzt rannten sie. Erst war es vor Schreck. Aber dann wurde Salome und den anderen Frauen das Rennen immer leichter. Fassen konnten sie es noch lange nicht, was sie gesehen und gehört hatten – aber es fing an, sie leichter und beschwingter zu machen.

 

Doch: Jetzt rannten sie auch an Schmetterlingen vorbei, die scheinbar schwerelos durch die Luft glitten. Und sie begannen, sich selbst schwerelos und frei zu fühlen. Als später Salome wieder an ihre Liegestätte kam, sah sie die fette, unbewegliche Raupe nicht mehr. Aus ihr war sicher auch ein Schmetterling geworden.

 

                                          Amen

 

 

 

 

 

Osterpredigt 2020 „Die Mauer des Todes ist weg“

 

Text: Matthäus 27,62-66: „Am nächsten Tag, der auf den Rüsttag folgt, versammelten sich die Hohenpriester und die Pharisäer bei Pilatus und sprachen: Herr, wir haben daran gedacht, dass dieser Verführer sprach, als er noch lebte: Nach drei Tagen werde ich auferweckt. Darum befiehl, dass man das Grab bewache bis zum dritten Tag, damit nicht seine Jünger kommen und ihn stehlen und zum Volk sagen: Er ist auferstanden von den Toten, und der letzte Betrug ärger wird als der erste. Pilatus sprach zu ihnen: Da habt ihr die Wache; geht hin und bewacht es, so gut ihr könnt. Sie gingen hin und sicherten das Grab mit der Wache und versiegelten den Stein.“

 

 

 

Liebe Leserinnen und Leser,

 

sehr gute Arbeit leisten die Verantwortlichen in unserem Staat zur Zeit. Sehr gute Arbeit leisten auch Ärzte und Pflegepersonal, Menschen in den Gesundheitsämtern und viele andere. Aber unsere verantwortlichen Politiker muss man jetzt auch mal loben.

 

Sie versuchen, an alles zu denken in dieser Krisenlage. Sie sorgen dafür, dass der Virus möglichst eingedämmt wird, aber trotzdem die Versorgung sichergestellt ist. Sie treffen Maßnahmen, um der Wirtschaft zu helfen und Arbeitsplätze möglichst zu erhalten. Sie überlegen, wie zum Beispiel besonders gefährdete Menschen in Pflegeheimen geschützt werden können.

 

Sie beraten regelmäßig, und es steht nicht die Partei im Vordergrund oder das eigene Ansehen, sondern das Wohl der Menschen. Zum Wohl der Menschen werden Mauern hochgezogen: Die Schließung der Grenzen ist genauso eine Mauer wie das Kontaktverbot. Aber es ist die Mauer gegen den Virus, die Mauer gegen den Tod. Man versucht, sie möglichst undurchdringlich zu machen, und hat einige Male nachgebessert.

 

Der Hohepriester und die Pharisäer haben beim Tod Jesu auch versucht, an alles zu denken – aber aus anderer Motivation. Die Mauer, die sie mit Hilfe des römischen Statthalters Pontius Pilatus errichtet haben, war der Tod durch die Kreuzigung. Eine undurchdringlichere Mauer als den Tod konnte und kann man sich nicht vorstellen.

 

Aber sie wollten noch nacharbeiten: Gibt es auch wirklich keine Schlupflöcher mehr? Die Mauer musste dicht sein, undurchdringlich. Es durfte buchstäblich keine Maus mehr durchkommen. So waren sie aufs Äußerste bemüht, die geistige Mauer um den toten Jesus sicher zu machen.

 

Oder ging es um die Mauer für sie selbst? Wenn Jesus weitergelebt hätte, wäre ihre angesehene Stellung in der jüdischen Gesellschaft in Gefahr gewesen. Oft hatte er sie kritisiert dafür, dass es ihnen vor allem darum ginge, selbst angesehen zu sein. Wollten sie deswegen eine Mauer aufbauen?

 

Ihre Stellung hatte für die Pharisäer so manche Annehmlichkeiten. Auf die wollten sie nicht verzichten. Besitzstandswahrung vor 2000 Jahren könnte man das nennen. Wenn es darum geht, kennt man keine Freunde mehr. Seine Errungenschaften verteidigt man mit Zähnen und Klauen.

 

Außerdem war doch alles gut so, wie es war. Man hatte sich eingerichtet, arrangiert mit der römischen Besatzungsmacht. Ja, auf dem Papier waren das noch die Feinde – aber doch lieber alle Veränderungen verhindern, wenn man es bequem hat. Neuerungen, wie Jesus sie schon zu Lebzeiten gefordert hatte, waren für sie keine Zeichen der Hoffnung und des Lebens, sondern bedrohten ihr bequemes Leben.

 

So hatte man für die Kreuzigung gesorgt. Was machte es schon aus, dass man bei der Begründung ein bisschen tricksen musste, um die Todesstrafe durch Pilatus zu erreichen? Man hatte alles gegeben, um das Problem „Jesus“ ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen. Es hatte geklappt.

 

Erst war der Tote noch am Kreuz zu sehen. Aber was muss das für ein Augenblick für die Gegner Jesu gewesen sein, als der Stein vor der Grabhöhle war: „Aus den Augen, aus dem Sinn“ konnten sie denken, und sicher würde bald kein Hahn mehr nach diesem Jesus und seiner Botschaft krähen.

 

Eines haben sie bei all ihrem Überlegen und Nachdenken nicht bemerkt: Genau das war Gottes Plan. Ohne es zu wollen und zu wissen haben sie Gottes Plan erfüllt. Wie paradox ist das: Sie wollten den Tod und haben für das Leben gesorgt.

 

Jetzt war der Tote im Grab und damit nicht mehr sichtbar. Ein großer Felsblock sperrte das Grab ab. Viel mehr konnte man nicht tun, das Problem war aus der Welt. Stein ist tote Materie, er besiegelte den Tod.

 

Doch jetzt erging es den Pharisäern wie einem Menschen, der seinen Zaun noch einmal kontrolliert: Er hat den Zaun um eine Weide für sein Vieh ziehen lassen. Er will aber keine halben Sachen machen, sondern das gründlich tun. Also geht er am Zaun entlang und kontrolliert. Tatsächlich, er findet einige Schwachstellen, die nachgebessert werden können: Da ist ein Pfosten nicht gut genug verankert. Da ist ein kleines Loch im Zaun. Er prüft und bessert nach, bis er endlich keine Mängel mehr findet und zufrieden ist. Jetzt kann er sich beruhigt zurücklehnen.

 

Der Hohepriester und die Pharisäer haben auch nachgeprüft, wo noch Löcher sind - in der Mauer des Todes. Nicht das kleinste Schlupfloch sollte mehr bleiben: „Der Leichnam könnte gestohlen werden“, war eine Befürchtung: „Wer weiß, was diesen Jüngern noch einfällt! Wo dieser Jesus doch gesagt haben soll, dass er nach drei Tagen aufersteht. Die drei Tage decken wir mit verschärfter Bewachung ab.“ Dass die Jünger selbst Reißaus genommen hatten, machte die Befürchtung zwar nicht wahrscheinlicher, aber das kleine Loch sollte auch noch gestopft werden.

 

Dazu sollte der Statthalter römische Soldaten abstellen. Sehr begeistert wird Pilatus nicht gewesen sein bei ihrem Anliegen, aber schließlich sagte er: „Da habt ihr die Wache.“ Damit war ein weiteres Schlupfloch in der Mauer des Todes geschlossen.

 

Aber noch eine Abdichtungsmöglichkeit fiel ihnen ein: „Wir könnten den Stein auch noch versiegeln. Dann können wir immer beweisen, dass niemand hinein oder heraus gekommen sein kann. So wirken wir allen Gerüchten entgegen, wenn die denn überhaupt aufkommen sollten.“

 

Endlich war das Werk ganz geschafft, an dem sie lange gearbeitet hatten. Jetzt konnten sie sich zurücklehnen, ihren Erfolg genießen. Das Leben würde wieder seinen gewohnten Weg gehen, und man musste niemanden mehr fürchten, der es auf den Kopf stellen würde.

 

Lange konnten sie sich nicht freuen: Am dritten Tag wurde aufgedeckt, dass alle ihre noch so gründlichen und peinlich genau überlegten Bemühungen Makulatur waren. Alles, was sie getan hatten, um die Mauer des Todes abzudichten, hielt dem Leben nicht stand: Die Versiegelung erwies sich als nutzlos, weil man nicht mehr beweisen konnte, dass das Grab nicht offen war. Die Soldaten erwiesen sich als wirkungslos, weil die weltliche der göttlichen Macht nicht widerstehen konnte. Der Felsblock brachte nichts, weil er einfach weggerollt war.

 

Und schließlich: Kreuzigung und Tod bewirkten nichts, weil das Leben sich als stärker erwiesen hatte. „Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat“ haben die Frauen, die morgens ans Grab gekommen sind, vom Engel gehört. „Fürchtet euch nicht“ wurde ihnen zugesprochen.

 

Von außen war das Grab versiegelt worden, durch Menschen. Von innen wurde es aufgebrochen, durch Gottes Macht. Der Statthalter Pilatus hatte den Soldaten befohlen zu wachen. Gott hatte sie schlafen lassen. Gottes Befehl, Gottes Wort ist viel stärker als das stärkste Menschenwort. Der Tod hatte alles versucht. Das Leben hat durch Jesus Christus gesiegt.

 

Durch diese Krankheitswelle wird uns Menschen die Nähe und Gefährlichkeit des Todes wieder neu bewusst. Wie gerne hatten wir in unserem normalen Alltag den Gedanken an Sterblichkeit und Tod möglichst weit beiseitegeschoben. Kann Corona die Mauer des Todes wieder aufbauen? Ostern lehrt uns: Nein. Gott ist stärker, das Leben setzt sich durch. Im Glauben siegt das Leben.

 

                                          Amen

 

So wurde vor Hunderten von Jahren zu Ostern schon gesungen:

 

„Christ ist erstanden von der Marter alle;

 

Des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein. Kyrieleis.

 

Wär er nicht erstanden, so wär die Welt vergangen;

 

seit dass er erstanden ist, so loben wie den Vater Jesu Christ. Kyrieleis.“

 

 

 

 

 

Predigt für Palmsonntag 2020

 

Text: Markus 14,3-9

 

Die Salbung in Betanien

 

Als Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.

 


Liebe Leserinnen und Leser,

begleiten wir in Gedanken diese Frau, die Jesus gesalbt hat – ich nenne sie Hanna. Indem wir sie begleiten, begleiten wir auch Jesus auf seinem Weg, jetzt in der Karwoche. Vielleicht können wir auch Stücke unseres Lebensweges erkennen oder für die Entscheidungen in unserem Leben lernen.

Die Idee war in den letzten Stunden in Hanna gereift. Ganz allmählich hatte sie Gestalt angenommen: „Da ist der König Gottes in Jerusalem eingezogen, es ist ihm zugejubelt worden. Aber wer salbt ihn?“ Hanna weiß, dass die großen Könige Israels wie David oder Salomo gesalbt worden sind. Schulbildung hat sie nicht. Erstens ist sie eine Frau, zweitens aus einfachem Haus. Aber die Geschichten von König David gehören zur geistigen Grundausstattung, jeder kennt sie.

Hanna nimmt das Fläschchen mit kostbarem Öl aus dem Mauerversteck heraus. Lange hatte sie es nicht mehr in der Hand gehabt Es sollte ihre Vorsorge für das Alter sein. Wenn sie einmal nicht mehr als Wäscherin arbeiten kann, will sie nicht auf Almosen oder Betteln angewiesen sein. Dann das Öl verkaufen zu können, würde einige Jahre den schmalen Lebensunterhalt sichern. Soll sie es wirklich machen, soll sie ihre ganze Altersvorsorge einsetzen? Sie sieht das Fläschchen mit dem kostbaren Inhalt lange an: Ja, sie will es tun.

Jesus ist im Haus Simons eingekehrt. Das macht es Hanna nicht leichter: Simon ist nicht erst seit er von Jesus vom Aussatz geheilt worden einer der angesehenen Männer im Ort. Seine Familie ist wohlhabend und hat etwas zu sagen. Sicher hat Simon Jesus eingeladen, um seine Dankbarkeit für die Heilung zu zeigen. Aber kann sie aus einfachem Haus sich überhaupt in dieses Haus trauen, und sie als Frau in diese Männerrunde? Gewiss: Hanna weiß, dass Jesus sich im Gegensatz zu anderen Rabbis auch von Frauen begleiten lässt. Aber sein Umfeld sieht es doch ganz anders.

Es bringt nicht weiter, immer zu überlegen und zu zaudern. So richtet sich Hanna jetzt entschlossen auf und strafft sich. Mit dieser äußerlichen Geste rafft sie sich auch innerlich auf. All ihren Mut nimmt sie zusammen und geht von ihrem Häuschen zum Haus von Simon. Jetzt darf sie nicht mehr langsamer werden, jetzt darf sie nicht mehr ins Grübeln kommen. Jetzt heißt es für sie, den Plan durchzuziehen. Jetzt ist die Zeit. Jetzt oder nie.

Am Haus angekommen, geht Hanna schnurstracks hinein, ohne sich noch einmal umzusehen. Angst vor der eigenen Courage hat sie, und dass diese Angst sie zum Aufhören verleiten könnte. Wie in einem Tunnel befindet sie sich, und das ist gut so.  Sie nimmt nicht wahr, was um sie herum geschieht. Sie hat nur Augen für ihren eigenen Weg, und dann muss sie in der Masse der Männer Jesus entdecken.

Da Hanna Jesus schon einige Male von der Ferne gesehen hatte, erkennt sie ihn auch von der Seite. Das Erkennen, auf ihn Zugehen, das Zerbrechen des Glases mit dem Nardenöl: Sie macht es wie in Trance. Und dann das, was sie sich als den unvergleichlichen Höhepunkt vorgestellt hatte: Sie gießt das Öl über den Kopf von Jesus und fängt an, ihn zu salben.

Ihre Hände kommen ihr seltsam ungeschickt vor. Dabei war sie als Wäscherin doch tägliche Handarbeit gewöhnt. Vielleicht hat sie das Gefühl, dass sie für diese Aufgabe, die Krönung des Königs Gottes, gar nicht geschickt genug sein können, dass Menschenhände immer unzulänglich sein müssen, wenn sie mit etwas Göttlichem in Berührung kommen.

Vielleicht ist es auch nur, weil ihre Hände zittern. Sie spürt, dass viele Augen auf sie gerichtet sind. Wohl zum ersten Mal in ihrem Leben steht sie im Mittelpunkt, obwohl sie das gar nicht wollte. Sie will doch ihn, den Gesandten Gottes, in den Mittelpunkt stellen.

Dann steht Hanna da, hinter Jesus, der seinen Kopf ein bisschen in ihre Richtung dreht, den er vorher ganz andächtig still gehalten hatte. Fast ahnt sie ein kleines Lächeln auf seinem Gesicht. Langsam nimmt Hanna wieder die Umgebung wahr. Absolute Stille herrscht im Raum. Man könnte eine Stecknadel fallen hören.

Ein paar Augenblicke dauert diese Stille. Dann erhebt sich nicht etwa Beifall, wie Hanna es sich nach der Salbung eines Königs vorstellen würde. Nein, es erhebt sich Protest, zorniger Unwille: „Was soll das? Was tut dieses dahergelaufene Weib? Welche Vergeudung! Werft sie hinaus! Unerhört ist das! Was bildet dieses Weib sich ein? Sie stört unsere Ordnung.“

Jeder Satz kommt Hanna wie ein Peitschenhieb vor, und sie wird mit jedem Wort noch ein bisschen kleiner. „Scheinheilig“ denkt sie aber auch. „Bei denen sind doch auch vornehme Herren, die ihr Geld nicht so zusammenhalten müssen wie ich. Wer hat sie denn bisher daran gehindert, das Geld für Arme auszugeben?“

In diesem Augenblick, der ihr immer in Erinnerung bleiben wird, merkt Hanna, wie Reden und Tun auseinanderklaffen können. „Schöne Reden halten“, so denkt sie, „ist das Eine. Sich selbst aber daran halten ist das Andere. Hoffentlich werden sich bei mir das Reden und das Tun nie so unterscheiden.“

Aber noch wichtiger ist für sie jetzt, wie Jesus reagieren wird: Wird er sie auch zurechtweisen? Dann wäre ihre Mission gescheitert. Wird er gar nichts sagen? Dann würde sie auch allein dastehen. Wird er Partei ergreifen für sie, so wie er schon oft Partei ergriffen hat für die kleinen, benachteiligten Leute?

Inzwischen hatte sich Jesus ganz zu ihr umgedreht. Hanna meinte, ein gütiges Lächeln zu erkennen. Sie nimmt eine energische Handbewegung Jesu wahr, worauf der wütende Protest abebbt. Dann hört Hanna die Worte, die ihr wie eine Erlösung vorkommen: „Lasst sie in Frieden. Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan.“

Hanna will ihm Danke sagen, aber Worte schaffen es nicht über ihre Lippen. Die Tat hat all ihre Kraft verbraucht. Sie würde Jesus am liebsten um den Hals fallen, aber das traut sie sich nun wirklich nicht. So geht sie, weil sich jetzt alle anderen auf die Worte Jesu konzentrieren, unauffällig und ungehindert wieder hinaus. Dass sie unauffällig gehen kann, ist ihr recht. Ob sie Jesus wenigstens noch einen freundlichen und dankbaren Blick zugeworfen hat, daran kann sie sich nachher nicht mehr sicher erinnern.

Im Hinausgehen jedoch sind ihre Ohren aufs äußerste aufmerksam. Hatte Jesus nicht auch schon gesagt: „Wer Ohren hat zu hören, der höre“? Hanna hört Jesus sagen: „Sie hat meinen Leib zu meinem Begräbnis gesalbt.“ Natürlich erschreckt sie der Gedanke an ein Begräbnis. Aber das „Sie hat gesalbt“ macht sie stolz: „Ich habe ihn gesalbt. Ich habe es durchgezogen. Ich habe mich damit auch zu ihm bekannt, obwohl es schwer war. Und er hat mich wahrgenommen!“

Der letzte Satz Jesu, den sie hört, lässt sie fast rot werden: „Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat.“ „Mein Ziel war das nun wirklich nicht“, denkt sie. „Ich wollte klein bleiben, wie es mir zukommt, aber ihn groß machen. Aber vielleicht ist Gott trotzdem jetzt auf mich aufmerksam geworden Vielleicht wird mein kleiner Name in seinem großen Buch des Lebens als eine kleine Randnotiz zu lesen sein?“ Hanna ist froh, dass sie sich getraut hat.

 

Was wir, liebe Leserinnen und Leser, von dieser Frau lernen können?

Sie tut, was dran ist, und lässt sich nicht durch eigene Bedenken davon abbringen. Sie nimmt ihre Umgebung wahr und handelt konsequent: Jetzt ist der Sohn Gottes da, jetzt muss er gesalbt werden. Sie reagiert auf die Situation, in die sie gestellt ist. „Sie hat getan, was sie konnte“, und ist dabei bis an den Rand ihrer Kräfte gegangen.

Wir sind jetzt auch in eine besondere Situation gestellt. Für die Einen, die Ärzte, die Pflegekräfte, aber auch Verkäuferinnen und andere Berufe gehört Mut dazu. Ihr Mut wird von Gott gesehen und sollte von der Gesellschaft gewürdigt werden. Für die Anderen gehört kein Mut dazu, aber Durchhaltevermögen und Verantwortungsbewusstsein, sich vorbildlich zu verhalten und zu sehen, wie sie anderen helfen können. Nehmen wir die Situation an, in die wir gestellt sind.

 

Sie durchbricht vorgegebene Normen in der Gesellschaft. Darin ist sie ein bisschen wie Jesus, der selbst Normen durchbrochen hat, weil er die Liebe an die vorderste Position gesetzt hat.

Unser christlicher Glaube muss sich nicht nach Normen richten, die vor 100 oder 1000 Jahren gegolten haben. Damit können und sollen wir Christen uns auch immer der modernen Zeit stellen. In der Hoffnung auf das Leben bei Gott leben wir auf der Erde und sollen diese in Liebe gestalten.

 

Sie traut sich, auch Unbequemes zu machen. Bequem wäre gewesen, das angebrachte Salben den religiösen Autoritäten zu überlassen. Hanna hätte damit eine gute Ausrede dafür gehabt, nichts zu unternehmen. Aber sie wollte diese Ausrede nicht.

Bei Sonnenschein, wenn es einem gut geht, kann man leicht Christ sein. Aber Glaube entscheidet sich daran, ob man auch dazu steht, wenn es einem schlecht geht. Wer dann nach einem „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ auch noch ein „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist“ über die Lippen bringt, der hat viel von Nachfolge verstanden. Und wir können beten, dass Gott uns auch annimmt, wenn wir das nicht schaffen.

 

Sie nimmt wahr, dass Gottesliebe und Nächstenliebe zusammen gehören und nicht voneinander getrennt werden können. Gott ehren und dem Nächsten beistehen, das sind die beiden Pfeiler, die uns Jesus gezeigt hat.

Schöne Kirchen dürfen sein, damit Gott würdig geehrt werden kann. Aber wo das allein steht, da ist der Glaube hohl – ebenso, wo man anderen Menschen hilft, aber Gottes Ehre vergisst: „Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst“ heißt es im Doppelgebot der Liebe, das Jesus uns gegeben hat.

 

Liebe Leserinnen und Leser, den Namen „Hanna“ habe ich erfunden. Aber die Geschichte, die uns das Markusevangelium erzählt, kann beispielhaft sein für uns und wie wir unseren Glauben leben.

 

                                          Amen

 

 

Karfreitagspredigt 2020: Die kleinen Päpste

 

Text: 2. Korinther 5,19-21: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.“

 


Liebe Mitchristen,

anhand von drei Fragen möchte ich Ihnen den Predigttext nahebringen: Was will der Apostel Paulus seiner Gemeinde in Korinth sagen? Im zweiten Brief an die Korinther geht es um konkrete Themen, welche die dortigen Christen beschäftigt haben. Daraus ergibt sich dann die Überlegung, was wir aus den Worten von Paulus für unser Leben heute lernen können.

 

Erste Frage: Was unterscheidet Jesus Christus von Dietrich Bonhoeffer?

 

Diese Frage mag Sie verwundern: Wie kann man Christus mit Bonhoeffer gleichsetzen? Wie kann man die Unverfrorenheit besitzen, Gottes Sohn mit einem Menschen zu vergleichen? Grenzt das nicht sogar schon an Gotteslästerung?

 

Nein, an Gotteslästerung grenzt es nicht: Es geht ja gerade darum, das Besondere an Jesus Christus herauszuarbeiten. Wenn man ihn vergleicht mit einem – sicherlich besonderen – Menschen, kann das Einzigartige von Jesus Christus umso deutlicher werden.

 

Am 9. April hat sich der 75. Todestag von Dietrich Bonhoeffer gejährt. Große Teile der Kirchen in Deutschland hatten sich mit dem NS-Regime arrangiert. Aber einige Gemeinden und Theologen wie zum Beispiel Martin Niemöller oder Dietrich Bonhoeffer waren nicht bereit, das Nazi-Regime und deren Umgang mit den Juden zu akzeptieren. Einer seiner bekanntesten Sätze ist: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch Gregorianisch singen.“ Er ist damit in einer Linie mit alttestamentlichen Propheten wie zum Beispiel Amos, der gesagt hat: „Tut weg von mir das Geplärr eurer Lieder“, spricht Gott der Herr, weil es nicht zu eurem Verhalten passt.

 

Der am 4. Februar 1906 in Breslau geborene Bonhoeffer gilt als Gesicht des evangelischen Widerstands gegen das NS-Regime.  Schon kurz nach Hitlers Machtergreifung 1933 äußerte er sich kritisch. Im selben Jahr wurde er Pfarrer in Großbritannien, weil er die Zustände in der Heimat nicht mehr ertragen wollte.

 

1935 kehrte er entgegen ausdrücklicher Warnungen zurück. Unter anderem der mit ihm befreundete englische Bischof Bell wollte ihn dazu bewegen, in England zu bleiben. Bonhoeffer wollte auch die "Bekennende Kirche" unterstützen, die durch oppositionell eingestellte evangelische Christen gegründet worden war. In ihrem Auftrag betreute er die Ausbildung von Pfarrern - ab 1937 illegal, nachdem die Nazis sein Predigerseminar geschlossen hatten.

 

1938 kam er über seinen Schwager Hans von Dohnanyi in Kontakt zu Admiral Wilhelm Canaris, General Ludwig Beck und weiteren Gegnern Hitlers. Während Bonhoeffer sich bemühte, in den Kirchen den Widerstand gegen die Kriegsvorbereitungen zu stärken, versuchte er von 1940 an seine Kontakte im Ausland für die Hitler-Gegner zu nutzen. Er wurde dazu von der Abwehr unter Canaris sogar offiziell in Dienst genommen. Zu dieser Zeit kam Bonhoeffer offenbar zu der Überzeugung, dass im Falle Hitlers der Tyrannenmord gerechtfertigt sei - trotz des Gebots "Du sollst nicht töten". Er beschäftigte sich lange mit der Frage, ob man töten darf, um größeres Leid zu verhindern.

 

Nachdem einige Anschlagspläne von Wehrmachtsoffizieren und Angehörigen der Abwehr auf Hitler gescheitert waren, wurden Bonhoeffer und Dohnanyi 1943 verhaftet. Nach dem Attentatsversuch vom 20. Juli 1944 fand die Gestapo in einem Geheimarchiv der Abwehr Papiere Dohnanyis, aus denen hervorging, dass dieser und Bonhoeffer zum Widerstand gehörten.

 

Beide wurden in die Gestapo-Zentrale in Berlin gebracht, wo auch Canaris, Oster und andere Mitglieder des Widerstands festgehalten wurden. Im Februar 1945 wurde Bonhoeffer dann ins KZ Buchenwald verlegt, später ins KZ Flossenbürg. Am 5. April ordnete Hitler die Hinrichtung aller noch lebenden Mitverschwörer des 20. Juli an - zu denen auch Bonhoeffer gezählt wurde. Nach einem SS-Standgericht ohne Verteidigung wurde er am 9. April gehängt.

 

Einiges an diesem Leben Bonhoeffers erinnert an das Leben und Sterben Jesu Christi: Auch Bonhoeffer wurde nicht alt und starb eines gewaltsamen Todes, den seine Gegner betrieben. Auch Bonhoeffer wurde unschuldig verurteilt. Er hatte noch nicht einmal das Recht, sich vor diesem Standgericht zu verteidigen.

 

Jesus Christus wusste vorher um sein Leiden und Sterben. In den Evangelien sind dazu seine Leidensankündigungen überliefert. Bonhoeffer wusste zumindest, dass er sein Leben riskiert. Freunde haben ihm deswegen schon 1935 eindringlich davon abgeraten, wieder nach Deutschland zurückzukehren. Bonhoeffer ist wie Jesus Christus seinem Tod nicht ausgewichen. Jesus Christus schwieg vor Pilatus, als er sich verteidigen konnte.

 

Beide sind sie trotz vieler Anfechtungen zuversichtlich in den Tod gegangen. Jesus Christus konnte noch am Kreuz sagen, in seinem letzten überlieferten Ausspruch: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Bonhoeffers letzter überlieferter Satz wurde von einem englischen Mithäftling in Buchenwald weitergegeben. Diesen hatte Bonhoeffer gebeten, seinem Freund Bischof Bell das zu sagen: „Für mich ist dies das Ende, aber auch der Anfang.“

 

Von großer Zuversicht zeugt auch das Gedicht Bonhoeffers, das in seinem letzten Brief an seine Verlobte steht, der aus dem Gefängnis in Plötzensee herausgeschmuggelt werden konnte: - der letzte Vers des Gedichts: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen, und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

 

So kommt man zu der etwas ketzerisch anmutenden Frage: Könnte auch Dietrich Bonhoeffer ein Heiland sein? Könnten andere vorbildliche Menschen, die als Märtyrer wegen ihres Glaubens und ihrer Verkündigung gelitten haben und gestorben sind, Heiland sein? Die Antwort ist: Nein: Heiland nicht, heilig aber schon.

 

Es gibt eben auch wesentliche Unterschiede zwischen Christus und Bonhoeffer: Jesus Christus ist von Gott selbst eingesetzt worden. Bei seiner Tauge wurde über ihn aus dem Himmel gesprochen: „Das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“

 

Jesus Christus wurde nicht nur gekreuzigt, sondern er ist auferstanden. Nicht das Sterben zeichnet ihn aus, sondern die Auferstehung, die das Werk vollendet. So ist nicht der Karfreitag der bedeutendste christliche Feiertag, sondern Ostern.

 

Christus „wusste von keiner Sünde“, wie Paulus schreibt. Das kann kein Mensch von sich behaupten, und so ist Christus mehr als ein Mensch. und schließlich: „Gott war in ihm.“ Das Erlösungswerk Gottes ist in Jesus Christus geschehen. Der Karfreitag ist nicht das Ende, sondern der Anfang.

 

Zweite Frage: Wie können wir einander wieder in die Augen blicken?

 

Kennen Sie das: Ein Mensch kann einem anderen nicht in die Augen sehen? Man merkt, dass er sich dabei unwohl fühlt, dem anderen zu begegnen, und diesem lieber ausweichen würde. Doch wenn das Ausweichen einmal nicht geht, dann vermeidet er direkten Augenkontakt.

 

Es kann an eigener Unsicherheit liegen. Diese aber kann auf Schuldgefühle zurückgehen: Dieser Mensch fühlt sich schuldig, auch wenn er das nie im Leben zugeben würde, auch nicht vor sich selbst. Wenn er mal in sich geht, merkt er es vielleicht.

 

Als Adam und Eva von der verbotenen Frucht gegessen hatten, hörten sie nach der Urgeschichte in Erster Mose 2, wie Gott abends durch den Garten Eden ging. Damals waren sie Gott noch ganz nahe. Aber sie hielten wegen ihres Fehlverhaltens diese Nähe nicht mehr aus und versteckten sich. Sie wollten Gott nicht unter die Augen treten müssen.

 

Vielleicht können sogar Sie selbst jemandem nicht in die Augen sehen? Dann wäre es höchste Zeit, etwas zu bereinigen. Denken Sie darüber nach, und schieben Sie das Bereinigen nicht zu lange hinaus. Jeder Tag den man mit einer Schuld lebt, ist ein Tag zu viel.

 

Kindern merkt man es meistens leicht an, wenn sie etwas verbockt haben und sich schuldig fühlen. Ihr Blick spricht dann Bände, und sie halten Schuld nicht lange aus, sondern müssen es los werden. Vielleicht hat Jesus auch das gemeint, als er gesagt hat: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.“

 

Was man dagegen tun kann? Paulus sagt: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selbst.“ Und er ruft auf: „Lasst euch versöhnen mit Gott!“

 

Zur Zeit telefoniere ich – situationsbedingt – viel mit Menschen. Manchmal habe ich den Eindruck dass man am Telefon sogar oft mehr spürt, wenn einen etwas belastet. Vielleicht liegt es daran, dass man sich nur auf die Stimme konzentrieren kann. Ich merke dann schnell, wie Menschen sich über diesen Anruf freuen und eben auch, wenn sie etwas los werden können. Bei Gott können wir unsere Schuld los werden.

 

Seit Adam und Eva, seit den ersten Menschen gibt es eine Fehlentwicklung in der Welt: Wir Menschen werden immer wieder schuldig – aus Neid, aus Konkurrenzdenken, wegen Machtgelüsten … Wir schaffen es aber nicht allein, diese Fehlentwicklung zu korrigieren.

 

Christus korrigiert diese Fehlentwicklung. Das ist Gottes Plan: Er bietet uns Menschen an, die Schuld auf sich zu nehmen und dort ans Kreuz zu heften. So wird die Tür zum Paradies, die durch menschliches Fehverhalten zugeschlagen war, durch Gottes Eingreifen wieder geöffnet. Das nennen wir ewiges Leben.

 

Auf vielen Kreuzigungsbildern wird es seit jeher dargestellt: Das Kreuz ist aufgerichtet, an dem Jesus hängt. Beeindruckend steht es da und ist von ferne zu sehen. Es droht. Die Römer drohen bei Jesus, der Tod droht allen, die es anblicken. Es steht aufrecht und nicht windschief. Windschief würde zu diesem Kreuz auch nicht passen. Was die Römer gemacht haben, das haben sie richtig gemacht Sonst würde es nicht heute noch Straßen und Bauwerke aus der Zeit der Römer geben.

 

Aufgerichtet ist aber jetzt auch nach Paulus „das Wort von der Versöhnung“. Auch dieses Wort von der Versöhnung ist aufrecht, und es macht uns aufrecht. Doch im Gegensatz zum Kreuz steht es nicht drohend da, sondern verheißend: Das Kreuz verheißt den Tod. Die Versöhnung verheißt das Leben.

 

Dritte Frage: Wer ist der Stellvertreter Jesu Christi auf Erden?

 

Manche von Ihnen werden jetzt sicher gleich sagen „der Papst“, aber dann stocken, weil wir evangelisch sind und weil einem die Frage vielleicht doch merkwürdig vorkommt.

 

Es ist richtig: Der Papst ist nach Auffassung der katholischen Lehre der Stellvertreter Jesu Christi auf Erden, weil Petrus der erste Bischof von Rom gewesen sei. Aber dass Petrus verheiratet war, lässt man dann lieber mal unter den Tisch fallen.

 

In der Bibel ist von keinem Papst die Rede, geschweige denn davon, dass er Christi Stellvertreter wäre. Bei Paulus steht dagegen: „So sind wir nun Botschafter an Christi statt.“

 

Ja, es ist so: Als Botschafter an Christi statt sind wir Christen Stellvertretet Jesu Christi auf Erden, Sie und ich. Als Kardinal Ratzinger zum Papst gewählt wurde, hat die Bild-Zeitung getitelt: „Wir sind Papst.“ Ich glaube, der zuständige Redakteur weiß gar nicht, wie recht er hatte: Sie sind Papst, Stellvertreter Jesu Christi auf Erden. Mit allen Rechten und Pflichten. Und vor allem: Von Gott getragen, so wie Gott seinen Sohn Jesus Christus sogar durch den Tod getragen hat.

 

Das ist eine wichtige Botschaft in allen Zeiten, auch in den aktuell schwierigen Zeiten: Wir sind von Gott getragen – alle, Sie und ich.

 

                                               Amen

 

Bitte stimmen Sie ein: „Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt“ (Gesangbuch 98)