Auslegung von Gottes Wort im Mittelpunkt

Hier können Sie in unregelmäßigen Abständen eine aktuelle Predigt lesen, jeweils verfasst durch Pfarrer Bruno Münch.

 

Predigt am 20.1.2019

 

Text: Brief an die Römer 12,9-16

 

Liebe Mitchristen,

 

kürzlich habe ich eine Karikatur gesehen: Ein trauriger, niedergeschlagener Mensch ist zu sehen. Man sieht es ihm am Gesicht an und den hängenden Schultern. „Was soll ich tun?“ fragt er, ratlos wie er ist. Er will aus seiner Traurigkeit und Verzweiflung herauskommen. Sein Gegenüber strahlt ihn an und sagt nur ein Wort: „Lache!“

 

Man könnte sich überlegen, wie diese Karikatur in einem zweiten Bild weitergeht, welche Bildergeschichte daraus wird. Naheliegend ist, dass der Traurige sich nicht ernst genommen fühlt. Das nächste Mal, wenn er traurig ist, wird er diesen Teitgenossen garantiert nicht mehr fragen, was er tun soll. Da scheint die andere Anregung des Paulus besser: „Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.“

 

„Seid fröhlich in Hoffnung“: Wenn es so einfach wäre! Dann könnte man dem Trauernden einfach zurufen: „sei wieder fröhlich“; dem, der gerade eine Trennung erlebt hat: „freu dich einfach wieder“; dem, welchem ein Arzt eine schlechte Diagnose mitgeteilt hat: „fang wieder an, dich zu freuen“ - Doch würde ein Therapeut, der das einfach so sagen würde, ernstgenommen werden?

„Seid fröhlich“ ist eine der vielen Aufforderungen oder Mahnungen in der Paränese des Briefs an die Römer. Eine Paränese ist eine Mahnrede. Jeder der neutestamentlichen Briefe an eine Gemeinde ist so aufgebaut: erst Verkündigung, dann die daraus ableitbaren Mahnungen.

 

So entwickelt Paulus im Römerbrief erst die Glaubensgrundsätze über Gottes Treue oder die Taufe oder den Frieden mit Gott, im zweiten Teil des Briefes zieht er die Schlussfolgerungen daraus.

 

Für Paulus ist der Römerbrief eine Art von Grundlagenschrift. Zugleich ist es der letzte Brief des Paulus. Im Gegensatz zu den anderen Gemeinden, an die Paulus geschrieben hat, kennt er die Gemeinde in Rom noch nicht. So kann er hier nicht auf die Verhältnisse in der Gemeinde und auf Fragen aus der Gemeinde eingehen, sondern wird grundsätzlich.

 

Wieso schreibt er dann aber an die Christen in Rom? - Rom ist Hauptstadt des römischen Weltreichs, damit die Stadt überhaupt. Dort will Paulus die christliche Botschaft verankert und gestärkt wissen, von dort aus soll das Christentum weitergehen. Diese Hauptstadt beziehungsweise die christliche Gemeinde dort will Paulus aber auch als nächstes besuchen. Mit dem Römerbrief bereitet er seinen Besuch vor. Auch deswegen geht er ins Grundsätzliche. Auch deswegen gibt es viele Aufforderungen, wie Christen sich verhalten sollen als Konsequenz aus ihrem Glauben.

 

„Seid fröhlich“: Diese wie die vielen anderen Aufforderungen geht auch an uns. Lacht – lauthals oder mehr im Stillen, aber lacht. Lachen wird wie eine Medizin empfohlen.

 

Kürzlich hat eine Frau zu mir gesagt: „Wenn’s mir schlecht geht, singe ich.“ Wir hatten uns darüber unterhalten, wie man schwierige Lebenssituationen am besten meistern kann. Sie ist wieder alleinstehend, fühlt sich manchmal einsam. Und dann eben dies: „Wenn’s mir schlecht geht, singe ich.“ Als Ergänzung hat sie noch gesagt: „Traurige Lieder sollten es dann nicht sein.“

 

Ich kann das bestätigen: Singen kann hoch heben. Und es macht auch für mich einen Unterschied, welchen Gesichtsausdruck ich vor mir hertrage – ist es ein trauriger oder fröhlicher? Schon das beeinflusst einen selbst, probieren Sie es aus.

 

Aber: wer traurig ist, kann nicht einfach auf Kommando lachen. Es ist nicht, wie wenn man einfach einen Schalter umlegt. Es gibt keinen Lach-Schalter. Um fröhlich zu sein, um zu lachen, braucht man einen Grund. „Seid fröhlich in Hoffnung“ sagt Paulus. Er hat aber vorher den Grund dafür ausführlich für die Empfänger des Römerbriefes ausgebreitet – für uns, die Leser, auch: „Gott ist gnädig zu uns. Gott liebt uns, das zeigt er uns schon in der Taufe. Wir haben Grund, uns zu freuen. Gott öffnet uns durch Jesus den Zugang sogar zum ewigen Leben. Wenn das kein Grund für fröhliche Hoffnung ist, was dann?“

 

Ein paar Verse weiter sagt Paulus es noch differenzierter: „Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.“ Wer von der Gnade Gottes weiß, wer sich von Gott angenommen weiß, kann aus diesem Wissen heraus auf andere Menschen zugehen. Um sich mit den Fröhlichen zu freuen und mit den Weinenden zu weinen, muss man sich in sie hineinversetzen und mit anderen mitfühlen können. Wer sich von Gott getragen weiß, kann andere Menschen mittragen. Der kann jedem geben, was er braucht.

 

An anderer Stelle hat Paulus es mit einem berühmt gewordenen Ausspruch geschrieben: „den Juden ein Jude und den Griechen ein Grieche werden“. Liebe Mitchristen, ihr wisst, dass Gott euch lieb hat. Weil ihr das wisst, könnt und sollt ihr euch anderen zuwenden und ihnen geben, was sie brauchen.

 

„Hängt dem Guten an“ lautet eine weitere Aufforderung – seid Anhänger des Guten. Was gehört dazu, ein Anhänger zu sein? Viele Menschen sind Anhänger von etwas. Man kann Anhänger eines Sportvereins sein, zum Beispiel der Crailsheimer Basketballer. Man kann Anhänger eines Sängers oder einer Sängerin sein, oder einer Musikgruppe. Man kann Anhänger eines weisen Menschen sein. Ich kenne Anhänger von Pater Anselm Grün, mit einem Anhänger des ehemaligen Heidelberger Theologieprofessors Klaus Berger bin ich mal zu einem Vortrag dieses Professors gefahren.

 

Begeisterung gehört zum Anhänger sein. Es geht nicht neutral, ein Anhänger nimmt klar Stellung, er positioniert sich: Ich bin für diesen Verein, diesen Menschen … Es ist mir eingegeben.

 

Fan kann man einen Anhänger auch nennen. Ein Fan kann oft rational nicht erklären, wieso er Fan eines Vereins ist. So geht es mir: Ich bin Fan eines Fußballclubs seit ich denken kann, aber ich könnte nicht sagen, wieso eigentlich.

 

Ganz dabei sein gehört dazu, bedingungslos. Es muss viel passieren, dass ein richtiger Anhänger sich von seinem Liebling abwendet. Auch manche Fehler werden verziehen.

 

Viel dafür tun ist Voraussetzung. Wer Anhänger von etwas ist, setzt sich dafür ein, investiert Freizeit, Geld, Ideen, Kraft.

 

„Hängt dem Guten an“: Das alles gilt für Anhänger des christlichen Glaubens, für wahre Christen: Begeisterung, Fan sein, ganz dabei sein und etwas dafür tun. Wahres Christentum geht nicht mit angezogener Handbremse. Christ sein kann man entweder ganz oder gar nicht. „Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich“ sagt Jesus, „und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut“.

 

„Seid brennend im Geist“ fordert Paulus auf. Was er fordert, kann aber leicht nach hinten losgehen. Wenn man brennend sein soll, ist man irgendwann womöglich ab- oder ausgebrannt. Was ist, wenn ich ausgebrannt bin, weil ich immer brennend für meinen Glauben sein wollte? Ausgebrannt nennt man heutzutage „Burnout“.

 

Anders gefragt: Führt christliches Leben leicht zum Burnout? Ich könnte ihnen Beispiele nennen, wo Menschen sich so eingebracht haben, dass sie irgendwann nicht mehr konnten. Einem Dekan habe ich deswegen einmal gesagt, er solle weniger tun, sich nicht in allem einbringen, damit er nicht ausbrennt.

 

Da ist die Familie, die sich dazu entschlossen hat, ihren schwerkranken Angehörigen selbst zuhause zu pflegen. Die Rund-um-die-Uhr-Pflege eines bettlägerigen Schwerkranken erfordert Kraft, die über die eigenen Möglichkeiten gehen kann. Man verausgabt sich über die eigenen Kräfte hinaus – nicht nur physisch, sondern vor allem auch psychisch. So kann es geraten sein, einen Schwerkranken ins Heim zu geben. Wenn man sich selbst verheizt, tut man einem Kranken nichts Gutes.“

 

Es ist ein schönes Bild, das mit dem Burnout, Ausgebrannt sein: Wenn ein Feuer keine neue Nahrung bekommt, brennt es aus. Wenn das Wachs der Kerze verbraucht ist, geht die Flamme aus. Aber es zeigt auch, was wir tun können, damit wir nicht ausbrennen: unserer Flamme immer wieder neue Nahrung zuführen! Das geht, wenn wir uns Zeit nehmen, zum Beispiel zum Lachen, zum Singen, zur Gemeinschaft miteinander, zum Gebet.

 

                                          Amen

 

Lied: 398,1+2 „In dir ist Freude“