Auslegung von Gottes Wort im Mittelpunkt

Hier können Sie in unregelmäßigen Abständen aktuelle Predigten lesen, jeweils verfasst durch Pfarrer Bruno Münch.

 

 

Predigt für 15.3.20 in Roßfeld: „Ist das dein Ernst, Jesus?“

 

Text: Lukas 9,57-62

 

Liebe Mitchristen,

da spricht ein Mensch zu Jesus: „Ich will dir folgen, wohin du gehst.“ Könnte einem, der für etwas wirbt, der für den Glauben wirbt, etwas Besseres passieren? Ich formuliere etwas um: „Ich will dem Glauben folgen und mich dafür einsetzen. Wo haben Sie eine Aufgabe für mich?“ Wenn jemand zu mir kommen und das sagen würde, wäre das für mich im Berufsleben fast wie ein Sechser im Lotto. Zumindest der Tag wäre gerettet, wahrscheinlich noch viel mehr. Und in mir könnte sich Zufriedenheit breit machen.

 

Richtig kompromisslos ist das sogar, völlig uneingeschränkt: „Ich will dir folgen, (ganz egal) wohin du gehst.“ Der Mensch muss euphorisch sein, sehr begeistert. Wenn man so etwas erfährt, kann man sich nur freuen, muss die Begeisterung doch auch auf einen selbst überspringen – oder nicht?

 

Solche Erfolge erhofft man sich. Es kommt viel zu selten vor, dass Menschen sich von sich aus anbieten. Im konkreten Fall könnte man aber auch auf den Gedanken kommen, dass das ganz schön dumm ist: wenn ich als Mensch einem anderen nachlaufe, egal wohin, ist das vorbehaltlos. Es kann leicht dazu führen, dass man dem anderen die Entscheidungen und das Denken überlässt. So kommen Diktatoren an die Macht.

 

Trotzdem würde man erwarten, dass die Antwort von Jesus Freude widerspiegelt, vielleicht sogar Euphorie. Der muss da doch in Jubel ausbrechen, das kann ihn doch nicht kalt lassen, wenn jemand so zu ihm kommt!

 

Von Freude ist in seiner Antwort aber nichts zu spüren. Ganz sachlich, nüchtern nennt er die Konsequenzen, die Nachteile, die sich aus der Nachfolge ergeben: „Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlegen kann.“

 

Soll das abschreckend sein? Wie kann Jesus diesen Menschen so offensichtlich zurückstoßen? Das ist, wie wenn ein Mensch zum Kantor kommt, um das Orgelspiel zu lernen. Doch anstatt diesen Menschen freudig aufzunehmen – man braucht schließlich dringend Organisten -, nennt der Kantor erst alle Nachteile: dass man in der kalten Kirche üben muss, dass der Gottesdienst Sonntag morgens ist … Als ob der Mensch sich das nicht schon überlegt hätte! So kann man Menschen vergraulen, statt sie zu gewinnen.

 

Jesus aber ist es wichtig, die Konsequenzen darzulegen. Damit gehen seine Worte plötzlich auch an uns. Es ist ihm wichtig, uns zu sagen, was Nachfolge bedeutet. Er will es dir und mir mitteilen, was es bedeutet, Jünger zu sein, Christ zu sein. Er hat keinen festen Wohnsitz, wären wir dazu bereit?

 

Ist das dein Ernst, Jesus? Meinst du das wirklich ernst? Soll ich rumlaufen wie ein Penner? Soll ich mich an die Straße setzen mit einem Hut in der Hand und betteln? Erwartest du von mir, dass ich mich so erniedrige, dass ich auf Annehmlichkeiten verzichte und von der Hand in den Mund lebe?

 

Bin ich dir denn nicht mehr wert? Ich will doch dein Jünger, dein Nachfolger sein, ich will dir doch folgen. Wo bleibt denn die Wertschätzung, wenn du von mir erwartest, dass ich sogar auf eine Behausung verzichte? - Wenn ich schon dem Sohn Gottes nachfolge, wenn ich dich als Sohn Gottes anerkenne, könnte das doch gewürdigt werden! Ich verstehe Jakobus und Johannes, dass die zu deiner Rechten und deiner Linken sitzen wollten.

 

„Der Menschensohn hat nichts …“ sagt Jesus. Nicht nur nichts, wo er sein Haupt hinlegen kann, sondern auch keinen Besitz außer den Kleidern, die er auf dem Leib trägt. Er lebt in materieller Armut. Aber er braucht auch nichts, steckt darin eben auch. Bevor er seine Verkündigungstätigkeit begonnen hat, war er 40 Tage in der Wüste. Er hat bewusst verzichtet, um sich auf das wirklich Wichtige zu konzentrieren.

 

Was brauchen wir wirklich, liebe Mitchristen? Wer in den letzten Tagen einen Supermarkt besucht hat, konnte den Eindruck haben, dass Menschen sehr viel brauchen an Gütern. Aber ist das nicht extrem vordergründig, könnte man nicht auf viel ziemlich leicht verzichten?

 

Vielleicht bringt diese Epidemie Menschen wieder mehr zum Nachdenken, was wirklich wichtig ist. Angesichts einer Krankheit kann vieles an Bedeutung verlieren. Jetzt ist es wichtig, dass Menschen zueinander stehen – in den Krankenhäusern Desinfektionsmittel zu klauen ist das Gegenteil davon. Jetzt erweist es sich als wichtig, einen starken Glauben zu haben. Jetzt stellt es sich als wichtig heraus, den Kindern oder Enkeln den Glauben weitergegeben zu haben. Wir sehen uns zurückgeworfen auf die Frage, was wirklich wichtig ist.

 

Da spricht Jesus zu einem anderen: „Folge mir nach!“ Jesus muss von diesem Menschen sehr angetan gewesen sein. Er hält ihn für dazu in der Lage, ein guter Jünger zu werden. Dieser andere Mensch wird damit von Jesus ausgezeichnet, geadelt. Er erhält viele Vorschusslorbeeren.

 

Genau besehen fordert Jesus öfter zur Nachfolge auf, so einzigartig ist das nicht. Er fordert Konfirmandinnen und Konfirmanden zur Nachfolge auf. Er fordert uns alle zur Nachfolge auf. Er traut uns etwas zu, hält etwas von uns. Schon die ersten Jünger hat er so berufen, als Petrus und Andreas, Jakobus und Johannes noch ihrem Beruf als Fischer nachgegangen sind.

 

Jesus fordert zur Nachfolge auf. Genauso ist das später der Auftrag der Jünger, Menschen in Jesu Nachfolge zu rufen – „Ich will euch zu Menschenfischern machen“ hatte Jesus zu ihnen gesagt. Genauso ist es heute der Auftrag nicht nur von Pfarrerinnen und Pfarrern, sondern von jedem Christen, andere auch in Jesu Nachfolge zu rufen.

 

Der Mensch antwortet mit „Ja“, das ist ein Erfolg. Mit dem darauf folgenden „Aber“ geschieht eine verständliche kleine Einschränkung: „Erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe.“ Das ist eine nur zu verständliche, naheliegende Bitte – eigentlich doch selbstverständlich, oder?

 

Wie muss es auf diesen Menschen gewirkt haben, dass dann von Jesus ein solch barscher Satz folgte: „Lass die Toten ihre Toten begraben!“ Nein, mit sanften Worten kann man sich das nicht vorstellen, es muss knallhart und brüsk gesprochen worden sein.

 

Einladend ist dieser Satz nicht, er stößt den anderen eher vor den Kopf: Da ist einer, der wirklich zur Nachfolge bereit ist, und dann bekommt er so etwas zu hören! Wenn ein Pfarrer in seiner Gemeinde so verfahren würde, der würde einen schweren Stand bekommen.

 

Natürlich kann der Mensch darüber nachdenken, dass es paradox ist, die Toten ihre Toten begraben zu lassen – dass es überhaupt nicht geht. Doch diese Überlegung macht den harten Satz nicht weniger hart. Unvernünftig kann es einem auch vorkommen: Für die Nachfolge ist es doch sicher gut, wenn die Altlasten weg sind, wenn man den Kopf frei hat für das Neue. Der Mensch wollte doch nur den Kopf frei bekommen für die Nachfolge dadurch, dass er die Beerdigung seines Vaters erledigen wollte.

 

Bei den sprichwörtlichen Leichen im Keller ist es genauso. Auch da ist es gut, wenn sie beseitigt sind, bevor ein Mensch sich auf den Weg der Nachfolge macht. Aber Beseitigung erfolgt nicht dadurch, dass man sich einfach wegdreht. Voraussetzung für das Abendmahl ist seit jeher die Buße. Vor dem Abendmahl wird erwartet, dass man offene Sachen mit den Mitmenschen klärt.

 

Ist das dein Ernst, Jesus? Meinst du das wirklich ernst? Ich soll die Leichen in meinem Keller nicht aufarbeiten? Ich soll meine Vergangenheit nicht abschließen, um dir ungeteilt nachfolgen zu können? Hast du noch nicht von der Erfahrung gehört: „Wer keine Vergangenheit hat, der hat auch keine Zukunft.“ Wer seine Vergangenheit abschneidet, kann nicht daraus lernen.

 

Was Jesus mit seiner Aussage im Blick hat: Wer die Nachfolge angehen will, muss seinen Blick nach vorne richten. Er muss dazu bereit sein, einen Strich unter all das zu machen, was war. Das christliche Leben ist nicht das Leben des Zurückblickens – hinten ist der Tod, sondern das Leben des Vorausblickens in die Zukunft – dort liegt das wahre Leben.

 

Zu einem anderen Menschen sagt Jesus: „Folge mir nach.“ Es sind beispielhafte Szenen, die nicht nur vor 2000 Jahren geschehen sind, sondern heute ähnlich geschehen können. Die Antwort dieses Menschen ist noch positiver. Er sagt ausdrücklich: „Herr, ich will dir nachfolgen.“

 

Was er von Jesus als Entgegenkommen erwartet, ist nicht mehr als selbstverständlich: „Erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind.“ Dass er überhaupt um Erlaubnis fragt, kann schon verwundern. Abschied nehmen muss drin sein, das gehört zur Höflichkeit. Man schleicht sich nicht einfach davon. Es gehört auch zur Wertschätzung für den, von dem man Abschied nimmt und dem man erklärt, warum man geht. Ich würde genau dieses Verhalten auch von Jesus erwarten.

 

Aber dann die Reaktion Jesu: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ Das ist selten starker Tobak: „nicht geschickt“ heißt nichts anderes als: „du taugst nichts“.

 

Wie das einen Menschen verletzen kann! Der so Angesprochene muss verletzt worden sein. Das wäre so, wie wenn ich zu jemandem, der mitarbeiten will, sage: „Ich kann dich nicht brauchen. Für die Nachfolge bist du Müll.“ Nein, so will ich nicht handeln, sonst wäre ich selbst Müll.

 

Außerdem würde es gegen das Fünfte Gebot verstoßen, beziehungsweise so wie Jesus es auslegt: Wer einem anderen weh tut mit Worten, der bricht schon das Gebot. Und was macht Jesus hier selbst?

 

Ist das dein Ernst, Jesus? Meinst du das wirklich ernst? Ich soll meine gute Erziehung vergessen und einfach abhauen, wenn ich dir nachfolge? Ich soll andere Menschen nicht wertschätzen, so wie ich es gelernt habe als gute Erziehung, die auch aus dem christlichen Glauben heraus kommt? Welche Umgangsformen mutest du mir damit zu!

 

Das Bild vom Pflug ist aussagekräftig, wenn man die bäuerliche Landwirtschaft vor Augen hat: Beim Pflügen muss man tatsächlich nach vorne blicken. Wenn man dabei zurückblickt auf das, was man schon erledigt hat, wird die Furche krumm, weil man nicht die Richtung halten kann.

 

Jesus sagt: Nur wer nach vorne blickt, macht die Nachfolge gut. Wer nach vorne blickt, bekommt eine Linie in sein Leben. Er geht nicht zickzack, sondern er folgt der Richtung, die zu Gott und zum ewigen Leben führt.

 

Christen können aus ihrem Glauben heraus nach vorne blicken und mutig ihre Zukunft angehen – und die Zukunft der Welt positiv beeinflussen. Christen bekommen aus diesem Blick in die Zukunft Zuversicht und Mut. Diese Zuversicht hat Jesus bei seiner Krise am Kreuz geholfen. Sie kann uns bei jeder Krise helfen.

 

                                          Amen


Kurzpredigt für den Martinsboten 1/2020

 

Der Predigttext:

„Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Hebräerbrief 13,12-14)

 

Liebe Mitchristen,

die Soldaten haben Jesus zur Kreuzigung „hinausgeführt zur Schädelstätte Golgatha“, berichten die Evangelien. Wieso wurde Jesus hinausgeführt?

Diese Frage mag Ihnen eigenartig vorkommen: Er war zum Tod verurteilt, draußen war die Hinrichtungsstätte, ganz einfach! Außerdem wollte man Kreuzigungen nicht drinnen haben. Ja gewiss, sie sollten von den Römern her weithin sichtbar sein zur Abschreckung. Die Menschen sollten sehen, wie die Römer durchgreifen und mit missliebigen Elementen umgehen – also Hinrichtung auf dem Hügel!

Aber ausgegrenzt: Der Tod musste weit weg sein. Das war vor allem den Juden wichtig, weil Kontakt mit Toten unrein macht.

Der Hebräerbrief gibt aber in seiner für uns schwierigen Sprache noch eine ganz andere Antwort: Dass Jesus draußen vor dem Tor gekreuzigt wurde, zeigt Gottes Plan!

Jesus ist das Sündopfer Gottes für die Menschen. Er stirbt als Sohn Gottes für die Sünden von Menschen, die ihm aufgeladen werden.

Im Judentum der Zeit Jesu gab es verschiedene Opfer. Zweck des Sündopfers ist zu sühnen und so die Strafe vom Sühnenden abzuwenden. Dazu wurde das Blut des Opfertiers vom Priester an den Altar gesprengt. Dieses Opfertier wurde aber außen geschlachtet.

Jesus wurde „draußen vor dem Tor“ gekreuzigt, das entspricht dem Opfertier beim Sündopfer. Dann kommt sein Blut an den Altar. „Nehmt hin und trinkt. Das ist mein Blut, das für euch gegeben wird“ hat er selbst zu seinen Jüngern gesagt.

Auf diese Weise können wir – das ist Gottes Angebot an uns – um Vergebung bitten. Mit anderen Worten: Wir können Gott um Entschuldigung bitten für die Schuld, die wir auf uns geladen haben – und Gott will uns diese Entschuldigung gerne gewähren.

 

Jesus in Quarantäne

So wurde Jesus „draußen vor dem Tor“ unter eine Art von Quarantäne gestellt. Angehörige und Freunde haben ihn nur wenige begleitet: Die Jünger waren alle abgehauen. Man kann sich vorstellen, wie hart das zusätzlich für Jesus gewesen sein muss.

Alptraumartig ist, wenn Menschen heutzutage beim Sterben allein gelassen werden müssen. Es ist nicht genug, dass in Norditalien so viele Menschen an dieser neuen Krankheit sterben – sie müssen auch noch allein sterben. Beten wir zu Gott für die Menschen in Norditalien und in anderen schwer betroffenen Gegenden, beten wir zu Gott auch für uns in unserem Land: Gott, schick deine Engel und heile!

Jesus Christus ist auch für die gestorben, die heute unter unwürdigen Umständen sterben müssen. Unser Gott geht im Leiden mit, begleitet Einsame, will Sterbenden auch noch Trost und Hilfe geben – und Zukunft.

So ist Jesus fast in Quarantäne gekreuzigt worden – für uns, als Sündopfer. Da sollte es uns doch möglich sein, für andere eine Zeitlang in Quarantäne zu gehen. Wenn schon ein Mensch das für sich selbst nicht für nötig hält, sollte er bitte an das Wohlergehen der anderen denken – der Älteren, die nicht mehr so widerstandsfähig sind, oder der Menschen, die Vorerkrankungen haben.

Speziell an unsere jungen Leute: Ich weiß, dass es viele tolle junge Leute gibt – ich kenne viele tolle junge Leute. Die allermeisten sind viel besser als ihr Ruf, den sie bei machen Älteren haben. Handelt so verantwortlich, dass ihr dabei auch an andere denkt!

„Lasst uns zu ihm hinausgehen und seine Schmach tragen“ heißt es im Predigttext. Wir sind aufgerufen mitzutragen – nicht nur mit Jesus, sondern mit den Mitmenschen. Nicht nur die Schmach, sondern auch das Leiden. Manche mögen zögerlich sein, manchmal verzagt. Aber wir können das, weil unser Herr und Heiland uns dabei stärkt. Unser Glaube ist der Sieg, der die ganze Welt überwinden kann – erst recht so eine Krankheit.

Helfen wir konkret

- durch Telefonieren und Aufmuntern

- durch füreinander Einkaufen

- durch füreinander Beten

- …

 

So schaffen wir füreinander Zukunft. Der Blick auf die im Hebräerbrief verheißene zukünftige Stadt gibt uns den Mut, anzupacken: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Amen.