Reformation und Bildung

Auf dem Marmorblock ist in grüner Farbe das Vaterunser geschrieben - auf der einen Seite des Risses auf Deutsch, wie es seit Luther in der evangelischen Kirche gebetet wurde. Auf der anderen steht es auf Lateinisch, so wie es in der katholischen Kirche bis ins letzte Jahrhundert bekannt war. Die grüne Farbe ist absichtlich gewählt, sagte Kurz. "Sie symbolisiert die Hoffnung." Die Hoffnung darauf, dass der Riss sich schließt.

Erinnerung und auch Mahnung: Reformationsweg nimmt Gestalt an

Chancengleichheit und Ökumene - dies sind die Themen der neuen Stele auf dem Schlossplatz in Crailsheim. Bildhauer Rudolf Kurz stellte die dritte Station des Reformationswegs vor.
Nein, die neue Stele des Crailsheimer Reformationswegs ist nicht schon kaputt. Der Rotary-Club, der sie gestiftet hat, bekommt deshalb sein Geld nicht zurück, auch wenn dessen Präsident Hans-Georg Lindenberger dies scherzhaft angemahnt hatte. Der Riss, der durch den großen Marmorblock geht, ist gewollt, "und gar nicht so leicht zu machen", erklärte der Stimpfacher Bildhauer Rudolf Kurz. Die dritte Stele des Crailsheimer Reformationswegs steht auf dem Schlossplatz/Ecke Schulstraße. Warum gerade da? Hier stand früher die Crailsheimer Trivialschule, doch was hat die Schule mit der Reformation zu tun? Eine ganze Menge: Denn einer der großen Grundsätze der Reformation war die Idee der Eigenverantwortung, die nur mit entsprechender Bildung möglich ist. Menschen sollten also in der Lage sein, die Bibel zu lesen.
Zwei Voraussetzungen sind hierfür nötig: Erstens eine Bibel auf Deutsch, die zweitens jeder lesen konnte. Die Bedeutung der Schulen liegt hier auf der Hand, und zwar damals wie heute, sagte Oberbürgermeister Rudolf Michl bei der "Einweihung" der Stele und hielt ein Plädoyer für ein besseres Bildungssystem. Schon Luther habe seinerzeit die Städte darauf hingewiesen, dass ein blühendes Gemeinwohl auch davon abhänge, dass jeder seine Potenziale entwickeln könne. Daraus müsse folgen: "Bildung ist kein exklusives Gut", so Michl. Bildung müsse vielmehr Chancengleichheit ermöglichen. Die Stele solle darüber zum Nachdenken anregen, und auch über die Toleranz, sagte Dekan Dr. Winfried Dalferth: "Nur wer einen Standpunkt hat, kann tolerant sein. Wem alles egal ist, hat Toleranz nicht nötig."

Stele ist 10.000 Euro wert
"Die Reformation ist ein wichtiger Teil der Crailsheimer Geschichte", betonte Rotary-Präsident Hans-Georg Lindenberger. Immerhin sei Crailsheim eine der ersten Städte mit reformiertem Gottesdienst gewesen. Darum gehe es dem Serviceclub: um die Erinnerung an Geschichte - an Crailsheims Geschichte - und die weitreichenden Folgen und Wirkungen bis zum heutigen Tag. 10.000 Euro ist die Stele dem Rotary-Club wert.
Doch was stellt sie dar? Natürlich ein (Schul-)Haus, das unschwer als grünspanpatiniertes Dach über dem polierten Marmorblock zu erkennen ist. Auch der Marmor ist leicht grün gebändert. "Ein Verdello-Marmor aus der Gegend von Carrara", erläuterte Künstler Kurz, und jener Riss symbolisiere natürlich den Bruch, der mit der Reformation durch Deutschland gegangen ist.
"Ich könnte ihn ja gut auskitten", sagte Kurz. Aber das entspreche eben leider nicht der Realität. "Ich hoffe auf den Tag, an dem die Stadt zu mir kommt und sagt: Kitten Sie den Riss, denn er ist nicht mehr da." Für ihn seien die beiden Konfessionen wie ein Apfelbaum mit einem Stamm aber verschiedenen Äpfeln - ein solcher stehe in seinem Garten. "Und beide Äpfel sind recht gut."

Eine wahre Bildungsrevolution

Stadtblatt 42 - 17.10.2013

 

 

Von der Lateinschule zum Albert-Schweitzer-Gymnasium

Vortrag Dr. Otto Burkhardt

Bilder Dr. Otto Burkhardt