Reformation und Juden

Ein neuer Ort des Gedenkens

Dr. Winfried Dalferth (von links), Rudolf Kurz, Rudolf Michl, Oscar Weeber (an dessen Haus die Stele befestigt ist) und Werner Branke nach der Enthüllung der Stele. Foto: Ute Schäfer

Am Platz der früheren Crailsheimer Synagoge ist jetzt eine weitere Stele des Reformationswegs eingeweiht worden. Sie hat ein schwieriges Thema, denn sie thematisiert Luthers Verhältnis zu den Juden.

Halbzeit für den Crailsheimer Reformationsweg: Sechs der zwölf geplanten Stelen des Künstlers Rudolf Kurz stehen seit dieser Woche. Am Donnerstag wurde nun die sechste Stele der Öffentlichkeit präsentiert. Sie steht in der Crailsheimer Adam-Weiß-Straße und hat ein schwieriges Thema: das Verhältnis Luthers zu den Juden.

Der Platz ist mit Bedacht gewählt: Hier stand bis 1945 die Crailsheimer Synagoge - das Gebäude ist auf dem Bronzerelief der Stele auch abgebildet. "Wir hoffen, dass die Stele ein weiteres ,Hallo wach!' gibt", sagte Oberbürgermeister Rudolf Michl. Wer nun allerdings ein dreidimensionales Kunstwerk sucht, wie sie an den anderen Orten des Reformationsweg stehen, der sucht vergeblich. Diesmal hat der Stimpfacher Bildhauer Rudolf Kurz "nur" ein Relief geschaffen, das allerdings, und das war Kurz wichtig, bis auf den Boden reicht und dadurch "geerdet" ist.

Denn auf dem Platz der Synagoge gibt es schon ein Mahnmal. "Zwei Monumente wären zu viel gewesen", sagte Stadtarchivar Folker Förtsch dazu. Stele und Mahnmal hängen inhaltlich natürlich zusammen. Das Mahnmal erinnert an die ehemalige Synagoge Crailsheims, die an dieser Stelle in der Adam-Weiß-Straße stand. Und die Stele an den Judenhass Luthers (siehe Artikel unten), der dem Antisemitismus der Nazis das Futter beziehungsweise die moralische Legitimation gegeben hat.

"Dies ist zweifellos eine dunkle Seite der Reformation", sagte Dekan Dr. Winfried Dalferth, der dennoch betonte, dass Luthers späte Judenschriften unvereinbar mit Luthers Theologie und überhaupt unvereinbar mit dem Neuen Testament seien. Denn für eines stehe die Stele und der Platz der Synagoge auch: "Wehret den Anfängen", mahnte der Dekan. "Judenhass darf nicht sein."

Rudolf Kurz verwies auf eine andere Stele, die bereits am Rathaus steht und die Religionsfreiheit thematisiert. Diese müsse nicht nur für die eigene Religion eingefordert werden. Sie müsse auch anderen gewährt werden, so Kurz, der auf dem Platz der alten Synagoge nicht Entschuldigung sagen will. "Aber um Entschuldigung bitten."

Der Ausbau des Reformationswegs geht zügig weiter: Noch in diesem Jahr kommt mindestens eine weitere Stele dazu.

Info: Die Stele an der Adam-Weiß-Straße hat Dr. Konrad Wetzel aus Westgartshausen gespendet. Er ist der Vorsitzende der evangelischen Bezirkssynode.

Martin Luther: Vom Judenfreund zum Judenhasser

Die neue Stele des Reformationswegs behandelt ein schwieriges Thema: den Judenhass des alten Luther. Bei der Einweihung der Stele am Platz der Crailsheimer Synagoge hat Dekan Dr. Winfried Dalferth die Beziehung des Reformators zu den Juden dargestellt. Danach drückte sich der junge Luther in seinen frühen Schriften durchaus judenfreundlich aus. Der Grund: Er wollte die Juden für die Mission gewinnen, sprich: Er wollte sie bekehren. Schließlich sei die Kirche nun "gereinigt" von den katholischen beziehungsweise papistischen Auswüchsen. Das "goldene Licht des Evangeliums leuchtet ja nun". Um den Juden das Konvertieren zu erleichtern, forderte Luther, sie in die Gesellschaft zu integrieren und setzte sich - damals unerhört, erklärte Dalferth - dafür ein, dass Juden und Christen ohne jede Beschränkung zusammenleben.

Als sich die Juden aber nicht reihenweise taufen ließen, setzte ab 1523 bei Luther ein radikales Umdenken ein. Der späte Luther wollte die Juden aus den evangelischen Territorien des Reiches vertrieben wissen. Ihre religiöse Infrastruktur sei zu zerstören, forderte Luther, der ihnen, so Dalferth, einen sklavenähnlichen Status zuweisen wollte.

Eine Ironie der Weltgeschichte sei nun folgende: Die judenfeindlichen Hasstiraden Luthers wurden vergessen. Erst im 19. und vor allem im frühen 20. Jahrhundert wurden sie, so Dalferth, "von völkisch-antisemitischen Kreisen" wieder hervorgekramt - mit den bekannten grauenhaften Folgen. uts

 

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Stadtblatt 12, 19.03.2015

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