Geschichte der Reformation: Als Crailsheim Vorreiter war

Ein Crailsheimer Schatz: Weiß’ Bücher in der Liberei. Foto: Ute Schäfer

Nein, Martin Luther hat seine Thesen nicht an die Tür der Crailsheimer Johanneskirche genagelt. Nein, die Welt ist vor 500 Jahren nicht von dem damals gerade einmal 1100 Einwohner zählenden Städtchen aus ins Wanken geraten. Und dennoch gibt es in Crailsheim einen Reformationsweg, dennoch darf man sich offiziell „Reformationsstadt Europas“ nennen, dennoch will man 500 Jahre danach im Reformationsjahr 2017 eine kleine Haupt-Nebenrolle spielen. Zu Recht? Dieser Frage ist Stadtarchivar Folker Förtsch am Freitagabend beim Nachholtermin zum heimatgeschichtlichen Abend, den er krank verpasst hatte, nachgegangen.

Konstruiert?

Er formulierte es so: „Spielt das kleine Crailsheim in der Geschichte der Reformation tatsächlich eine Rolle, die es erlaubt, so groß aufzufahren? Oder wird hier etwas konstruiert, was einer historischen Überprüfung so nicht standhält?“ Die Antwort sei gleich gegeben: Die Konstruktion, sie steht – auch nach Förtschs eingehender Überprüfung.

Während Luther dieser Tage allgegenwärtig ist – ob er nun von einer regalbiegenden Menge an Buchdeckeln grüßt, als Playmobil-Männchen im Kinderzimmer predigt oder gar auf Einkaufswagenchips prangt – gibt es von dem Mann, der Crailsheim zur Reformationsstadt gemacht hat, noch nicht einmal ein Bild: Adam Weiß. Förtsch zeichnete seinen Lebensweg nach. Um 1490 wurde Weiß in Crailsheim geboren, 1507/08 war er dann unter dem Namen „Adam Wyß de Creltzheim“ als Theologiestudent an der Universität Basel eingeschrieben. Die Jahre 1512 bis 1521 verbrachte Weiß an der Hochschule in Mainz – zunächst als Student, dann als Lehrer, schließlich als Professor. Dort wandte er sich dem Humanismus zu und begeisterte sich für die reformatorischen Lehren Luthers und Zwinglis.

Nachdem am 18. Oktober 1521 der bisherige Crailsheimer Pfarrer Nikolaus Schlöterlin gestorben war, wurde Weiß auf dessen Stelle berufen. Er war nicht nur in der Markgrafschaft Brandenburg-Ansbach, zu der Crailsheim damals gehörte, sondern auch im Vergleich mit anderen benachbarten Landesherrschaften und Reichsstädten der erste evangelische Pfarrer. Städte wie Rothenburg oder Feuchtwangen folgten zwar, dort hat sich aber nicht dieselbe reformatorische Kontinuität eingestellt wie in Crailsheim. Weiß sei derweil „kein stürmischer Neuerer“ gewesen, sondern eher behutsam vorgegangen, so Förtsch in seinem Vortrag.

Von seinem theologischen Wege abbringen ließ Weiß sich gleichwohl nicht – auch nicht von Markgraf Kasimir, der zwar „den reformatorischen Bewegungen in seinen Städten zunächst weitgehend freien Raum ließ“, wie Förtsch sagte, auf Reichsebene aber den Ausgleich suchte. Kurzum: Er profitierte gerne von der Säkularisierung, war aber kein lutherischer Überzeugungstäter. Und im Zuge des Bauernkriegs 1525 ging er deutlich auf Distanz zur Reformation. Manche ihrer Parteigänger wurden verhaftet oder flohen, auch Weiß wurde zur Flucht geraten. Er blieb – in Crailsheim und standhaft.

Georg der Fromme, der nach dem Tod Kasimirs in der Markgrafschaft das Sagen hatte, war hingegen ein dezidierter Anhänger Luthers. Unter ihm stieg Weiß zu einem Theologen mit weitem Wirkungskreis auf: Er arbeitete zum Beispiel an der Ausarbeitung der wichtigsten reformatorischen Texte in Mittelfranken mit und begleitete Georg zu den Reichstagen von Speyer (1529) und Augsburg (1530). In Augsburg predigte er trotz kaiserlichen Verbots zweimal vor den evangelischen Fürsten. Luther selbst schrieb 1528 an Markgraf Georg, Weiß und sein Ansbacher Kollege Rurer seien „feine Leute, würdig, dass man sie in Ehren halte“.

Die Theorie und das Leben

Und die Menschen in Crailsheim und Umgebung? Waren sie so überzeugte Lutheraner wie ihr Oberhirte? Nun, die Durchsetzung der Reformation war ein langer Prozess, wie Förtsch betonte. Und auch nach Weiß’ Tod 1534 gab es noch Fluchen und Schwören, Zaubern und Wahrsagen, eine unzureichende Sexualmoral und überbordende Feiern – wie bei einer Fürstenhochzeit 1537 auf dem Crailsheimer Schloss. In den Quellen ist von „wüstem Zechen“ die Rede, der Hoftrompeter sei „von übermäßigem Trinken tot auf dem Platz“ gelegen, ein Prinz sei „einige Tage gar nicht zur Besinnung“ gekommen. Förtsch schloss: „Ja, so ist das: Das eine ist die Theorie – das andere ist das Leben.“

Sebastian Unbehauen |