Auslegung von Gottes Wort im Mittelpunkt

Hier können Sie in unregelmäßigen Abständen eine aktuelle Predigt lesen, jeweils verfasst durch Pfarrer Bruno Münch.

 

Predigt am 31.3.2018 (Osternachtfeier)

 

Text: 1. Thess. 4,13+14 - Hymnus: 118 „Der Herr ist auferstanden“

 


Liebe Mitchristen,

 

es gärt bei den Christen in Thessalonich im Jahr 49 nach Christus. Das Bild vom Gären ist mir eingefallen zu diesem Text. Wenn meine Oma oder meine Mutter zuhause Brot gebacken haben, dann wurde der Teig mit Hefe über Nacht gären lassen. Man hat auch gesagt: „Man lässt den Teig aufgehen.“ Wer sich die Zeit genommen und zugeschaut hat, konnte sehen, wie der Teig in Bewegung kommt – bis zum Morgen war er aufgegangen.

 

Ähnlich ist es, wenn Apfelsaft gärt und zu Most wird. Es rumort im ganzen Fass, die Flüssigkeit macht ganz schön was mit. Das kann auch mal sprudeln. „Reißer“ haben wir diesen halb gegorenen Most genannt. Wenn man ihn getrunken hat, wusste man wieso er so genannt wird.

 

So treibt die Christen in Thessalonich eine Frage um: Was passiert eigentlich mit den Mitchristen, die zum Glauben an Jesus gekommen sind, aber jetzt schon gestorben sind? Das muss eine existenzielle Frage gewesen sein: Es lag der ganzen Gemeinde an den verstorbenen Mitchristen, und vielleicht würde es einen ja auch selbst noch treffen, dass man stirbt, bevor Christus am Jüngsten Tag wiederkommt?

 

Man hatte mit dem bevorstehenden Ende der Welt gerechnet, dass der Jüngste Tag nahe ist. Jetzt aber war schon einige Zeit vergangen, seitdem Paulus und seine Begleiter das Evangelium nach Thessalonich gebracht hatten, und sogar schon fast 20 Jahre, seitdem Jesus Christus vom Tod auferstanden und in den Himmel genommen worden war.

 

Hatte nicht Jesus selbst angedeutet, dass es mit dem Jüngsten Tag nicht mehr lange dauern wird? Im Gleichnis vom Feigenbaum: „Wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst ihr, dass das Reich Gottes nahe ist.“ Hatte er nicht verheißen, dass dann alle Gläubigen nicht in den Tod kommen, sondern sofort in den Himmel? Hatte nicht durch diesen Glauben eine euphorische Endzeitstimmung um sich gegriffen? Jetzt aber waren Tag um Tag, Monat um Monat, Jahr um Jahr vergangen. Es war lang geworden, manche waren über dem Warten müde geworden.

 

Und vor allem: Etliche waren gestorben. „Was passiert mit denen“, hat man sich gefragt. Und: „Ist das ein Zeichen dafür, dass unser ganzer Glaube falsch ist?“ Das war zu einer Grundfrage geworden, diese Frage hat die Gemeinde zum Gären gebracht.

 

Man hat sich auch gesorgt um die Lieben, die schon gestorben waren: „Werden sie doch nicht in den Himmel kommen bei der Wiederkunft Christi, weil sie zu früh gestorben sind?“ Paulus, der die Gemeinde gegründet hat, war gefordert. Das Gären aus Thessalonich war zu ihm bis nach Korinth vorgedrungen. Paulus bezeichnet das Gären als „Ungewissheit“.

 

Seine Antwort: Gott hatte die Macht, Jesus vom Tod aufzuerwecken. Daran glauben wir, das ist das Fundament unseres Glaubens. Wenn er diese Macht hat, hat er auch die Macht, die verstorbenen Gläubigen aus den Klauen des Todes zu reißen und in den Himmel zu holen.

 

Hymnus: 118 „Der Herr ist auferstanden“

 

Das Thema „Naherwartung“ gärt bei uns schon lange nicht mehr. Schon lange wissen wir, dass Gottes Reich ganz anders nahe ist, dass Gott auch nicht in Raum und Zeit zu messen ist. „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“, hat Jesus zum Verbrecher neben sich gesagt, als der ihn gebeten hatte: „Denke an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ Das gibt eine Ahnung davon, dass das Reich Gottes für Glaubende hier und jetzt anfängt.

 

Das heißt aber nicht, dass bei uns keine Fragen gären. Es gibt manches, was uns in Wallung bringen kann oder so beschäftigen, dass wir vom Glauben abfallen wollen. Viele machen Glaubenskrisen durch – vielleicht kann man sogar sagen: „Glaubenskrisen gehören zum Glauben.“ Lassen Zweifel nicht vor allem die Menschen nicht zu, deren Glaube nicht stark ist?

 

Da gibt es den Menschen, bei dem eine schwere Krankheit festgestellt wird. Jahre-, wenn nicht lebenslang hat er an Gott geglaubt, hat er gebetet, hat er auf Gottes Wort gehört. Wieso trifft es jetzt ausgerechnet ihn? Womöglich fragen die ihm nahen Angehörigen das noch stärker als er selbst.

 

Mit dem Befund scheint alles zusammenzubrechen. Die Sicherheit, in der man sich gewiegt hatte, auch durch den Glauben, hat große Risse bekommen. Eine solche Krankheit kann einem den Boden unter den Füßen wegziehen. Er, seine Angehörigen, seine Freunde können sich fragen: „Wo ist jetzt meine Hoffnung?“ Sie gleichen den „anderen, die keine Hoffnung mehr haben“, wie der Apostel Paulus schreibt. Sie unterscheiden sich nicht von denen, die gar nicht zum Glauben gekommen sind.

 

Mit Paulus können wir antworten: Gott begleitet auch da, in der schweren Krankheit. „Wenn wir glauben, dass Gott gestorben und auferstanden ist, so dürfen wir auch glauben, dass er die Macht hat, schwerkranke Menschen zu halten und todkranke durch den Tod zur Auferstehung zu leiten.“

 

Hymnus: 118 „Der Herr ist auferstanden“

 

Da gibt es den Menschen, der sich selbst das Leben genommen hat. Was muss vorher für ihn alles zerbrochen sein? Welche Hoffnungen müssen zerbrochen sein, welche Träume geplatzt? Da muss dieser Mensch, der womöglich fest an Gott geglaubt hat, sein Leben in Trümmern sehen.

 

Da gibt es die Hinterbliebenen, die ihm in Liebe zugeneigt sind, die jetzt sogar mehrfach trauern müssen und sich gärende Fragen stellen: „Warum hat er oder sie das gemacht? Bin ich mitschuldig daran, hätte ich es zumindest verhindern können? Wo ist Gott gewesen? Da glauben wir an das Leben und müssen erleben, dass er einen solchen Tod nicht verhindert!“

 

„Wer wird die Lücke füllen, die jetzt so plötzlich aufgerissen wurde? Hatte ich nicht insgeheim auf diesen Menschen als Stütze gehofft?“ Eine aufgerissene Lücke ist auch eine Stelle, an welcher der Tod ins Leben einbricht.

 

„Ist einer, der seinem Leben selbst ein Ende setzt, sogar bei Gott verdammt?“ Früher wurden diese Menschen außerhalb der Friedhofsmauern beigesetzt – außerhalb des geweihten Ortes, der auch „Gottesacker“ genannt wird. Sich selbst das Leben zu nehmen ist auch eine Sünde, weil es auch gegen das fünfte Gebot verstößt: „Du sollst nicht töten.“ Aber ein Mensch darf sich auch nicht anmaßen, Gott vorschreiben zu wollen, wen er zu begnadigen hat und wen nicht.

 

„Wenn Jesus gestorben und auferstanden ist“, hat Gott auch Macht über einen solchen Tod. Wenn wir glauben, dass Gott gütig ist, können wir ihn auch hier um seine große Güte bitten.

 

Hymnus: 118 „Der Herr ist auferstanden“

 

Da gibt es die Kinder, deren Eltern plötzlich verstorben sind. Sie hatten die Kinder im christlichen Glauben erzogen, sie haben selbst an Tod und Auferstehung Jesu Christi geglaubt. Jetzt sind sie gestorben und haben Kinder hinterlassen, die noch nicht auf eigenen Füßen stehen. Wie muss es da gären! Kann man an einen Gott glauben, der da nicht eingreift?

 

Es ist eine riesige Lücke entstanden. Die Kinder fragen sich: „Was soll jetzt werden?“ – Aber nicht nur die Kinder, viele andere stehen fassungslos einer solchen Tragödie gegenüber. Ist es ein Wunder, dass die Verzweiflung bei manchen dieser Menschen fast mit Händen zu greifen ist?

 

Auch da gilt: Wenn Gott sogar über den Tod Macht hat, wie er in der Auferstehung Jesu gezeigt hat, hat er auch Macht, diese Hinterbliebenen im Leben zu begleiten, ihnen Trost und Rat und Hilfe zu sein.

 

Hymnus: 118 „Der Herr ist auferstanden“

 

Und da gibt es dann noch die Menschen, auf die selbst beim Tod oder bei der Beerdigung eines lieben Angehörigen noch eingeschlagen wird. Was ist es anderes als verbales Einschlagen, wenn ich nach einer Feuerbestattung lesen muss, dass das nicht christlich sei und dass der Eingeäscherte womöglich nicht die Chance auf das Ewige Leben hat?

 

Was für ein Bild von einem kleinlichen, pingeligen, engstirnigen Gott steckt dahinter – und vor allem: von einem machtlosen Gott. Eigentlich müssen einem die Menschen leidtun, die Gott für so engstirnig halten! Wenn Gott Jesus Christus vom Tod auferweckt und zu sich in den Himmel geholt hat, dann steht er auch über den verschiedenen Bestattungsformen.

 

                                          Amen

 

Lied: 116,1-4 „Er ist erstanden. Halleluja“