Auslegung von Gottes Wort im Mittelpunkt

Hier können Sie in unregelmäßigen Abständen eine aktuelle Predigt lesen, jeweils verfasst durch Pfarrer Bruno Münch.

 

Predigt am 23.7.17 in Roßfeld

 

Text: Mt 5,37: „Eure Rede sei Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist von Übel.“

 

Lutherzitat: „Tritt fest auf, mach’s Maul auf, hör bald auf.“

 

 

 

Liebe Mitchristen,

 

es war vor fast 32 Jahren, bei einem meiner ersten Besuche in der neuen Gemeinde. Ich glaube auch noch zu wissen, bei wem es war – ein treues Mitglied der Kirchengemeinde und häufiger Gottesdienstbesucher. Da wurde mir ein wohlgemeinter Tipp für Gottesdienste gegeben, beziehungsweise konkret für die Predigt. Es wurde mir gesagt: „Eine Predigt darf über alles gehen, nur nicht über 20 Minuten.“

 

Was mir damals gar nicht so klar wahr – aber wahrscheinlich meinem Gegenüber auch nicht: Auch das ist ein Lutherzitat – also ein Spruch, den Martin Luther vor fünf Jahrhunderten zum Besten gegeben hat. Allerdings ist das Lutherzitat im Lauf der Zeit ein bisschen verändert worden – nur in einem einzigen Wort. Ursprünglich hieß es: „Eine Predigt darf über alles gehen, nur nicht über 60 Minuten“!

 

Martin Luther hatte eine prägnante Sprache. Er hat bei uns gewirkt als Reformator der Kirche – er wollte ja die Kirche nicht spalten, sondern erneuern. Und er hat auch – wahrscheinlich ohne es so zu wollen – sprachprägend und sprachschöpfend gewirkt. Mit den Ausdrücken in seinen Tischreden, seinen Flugschriften, seiner Bibelübersetzung hat er das Deutsch über Jahrhunderte geprägt bis zum modernen Deutsch. Es ist bekannt, dass er über mancher Bibelstelle lange gebrütet hat, wie sie am besten ins Deutsche zu übertragen ist. Da ist es ja oft mit dem einfachen Übersetzen getan, man muss einen Text in eine andere Lebenswelt hineintragen, tausende Kilometer entfernt und Jahrhunderte an Zeit entfernt. „Man muss dem Volk aufs Maul schauen“ stammt auch von Martin Luther.

 

Anders gesagt: Wer weiß, ob sein Wirken solchen Erfolg gehabt hätte, wenn Gott ihm nicht auch ein solches Sprachtalent mitgegeben hätte. Ich denke, Gott hat ihn dazu ausgestattet zu tun, was er tun sollte. Gott stattet uns mit Gaben und Fähigkeiten aus, um in seinem Auftrag unterwegs zu sein – nur dass viele von uns ihre Talente vielleicht nicht so einsetzen wie es möglich wäre, sondern sie lieber vergraben.

 

„Tritt fest auf, mach’s Maul auf, hör bald auf“: Was für manchen wie eine Empfehlung für Pfarrerinnen und Pfarrer klingt, ist aber nicht nur so zu verstehen. Es geht an jeden Christen, zumal Luther den Begriff vom „Priestertum aller Gläubigen“ geprägt hat: Jeder Christ hat die Aufgabe, da das Evangelium zu verkündigen, wo er selbst im Leben steht – und jedem Christen kann man es zutrauen und zumuten, auch öffentlich seinen Glauben zu verkündigen. Eine Ausbildung dazu ist natürlich empfehlenswert.

 

„Hör bald auf“ ist der dritte der Tipps. Wieso eigentlich? Es geht dabei nicht in erster Linie um die Geduld der Predigthörer, die man als Prediger natürlich auch strapazieren kann – wobei eine längere Predigt kurzweiliger sein kann als eine kurze.

 

Es geht aber zum Beispiel darum, dass ein Prediger das, was er zu sagen hat, in einfachen, klaren Worten sagen soll. Wenn er etwas kurz und prägnant sagt, dann ist er gefordert. Dann legt er sich fest. Dann gibt es kein Wenn und kein Aber.

 

Und es geht darum, dass es eben nicht um den Prediger geht. Auch jeder Pfarrer und jede Pfarrerin, aber vielleicht noch mehr jede Gemeinde, muss sich das klarmachen: Ein Gottesdienst ist nicht der Gottesdienst des Pfarrers, nicht der Pfarrers-Dienst, sondern der Gottes-Dienst. Es geht um Gott, und es geht um die Gemeinde, denen Gott nahegebracht werden soll und werden will.

 

Manche Menschen hören sich gerne reden – denen geht es dabei aber um sich. Innerlich denke ich hin und wieder, wenn ich einen solchen Beitrag höre: „Schwätzer“. Aber haben sie in den vielen Worten, die sie machen, etwas zu sagen? Sie sollten sich vielleicht die Gleichnisse Jesu besser ansehen, die immer mit wenigen, prägnanten Worten erzählt werden.

 

Auf diese Weise kann man auch glaubhafter wirken. Vielleicht war das eines der Geheimnisse Jesu, dass er so einfach sprechen konnte – „und nicht wie die Schriftgelehrten“, wie es im Evangelium einige Male heißt.

 

Glaubhaft wirkt eher, was mit klaren, einfachen Worten gesagt wird. Da brauche ich nicht auf die Montageanweisungen für Möbelstücke oder sonst was hinzuweisen – wenn die zu kompliziert geschrieben sind, legt man sie irgendwann entnervt beiseite. Wer glaubhaft sein will, muss klar reden. Wer glaubhaft sein will, muss sein Leben danach ausrichten.

 

„Was darüber ist, das ist vom Übel“ heißt es in dem Bibelspruch, den ich heute als Predigttext ausgesucht habe. Eigentlich geht es in diesem Zusammenhang in der Bergpredigt um das Schwören. Es gilt ein Ja, und es gilt ein Nein – das genügt. Legt euch fest, sucht keine Ausflüchte, keine Hintertürchen. Versucht nicht, die eigene Haut zu retten, indem ihr herumeiert.

 

Als Martin Luther 1521 vor dem Reichstag zu Worms seiner Lehre abschwören soll, sagt er zunächst etwas zur Einordnung seiner verschiedenen Schriften. Und dann sagt er, dass er dazu steht „ohne Hörner und Zähne“. So hat man früher die Anmerkungen genannt, das Kleingedruckte, das aus manchem Ja fast ein Nein macht, weil es so viele Einschränkungen gibt.

 

„Mach’s Maul auf“ ist der zweite der Tipps. Um es klar und deutlich zu sagen: Hier steht nicht „Reiß das Maul auf“. Es geht nicht darum, sich wichtig zu machen. Es geht nicht um die Menschen, die bei jedem Anlass vorne sitzen wollen, damit sie gesehen werden. Es geht nicht um die wirklichen oder Möchtegern-Berühmtheiten, die fast in jeder Talkshow auftreten.

 

Es geht darum, dass man Stellung nehmen soll. Flagge zeigen, Farbe bekennen. Es ist immer mal wieder von den U-Boot-Christen die Rede. Sind wir nicht alle U-Boot-Christen, wenn wir wenig zu unserem Glauben stehen? Jesus Christus hat seinen Jüngern Mut gemacht, Stellung zu nehmen.

 

Es ist sogar so, dass wir hier eine wichtige Aufgabe haben, die Gott oder Jesus uns zutraut. Wenn wir nicht für christliche Werte einstehen und dabei das Maul aufmachen, wer dann? Von wem sollen es unsere Nachkommen dann lernen? Als Christen werden wir dazu gebraucht. So können wir heute auch, jeder an seinem Platz, jeder mit den Gaben, die Gott gerade ihm in die Wiege gelegt hat, die Welt verändern, die Kirche reformieren, Werte an unsere Jugendlichen weitergeben.

 

„Eure Rede sei Ja, ja; Nein, nein“: Eigentlich muss man über diesen Bibelvers ein bisschen rätseln. Man könnte sich doch wirklich mit Recht fragen: Wieso muss es ein doppeltes Ja sein und ein doppeltes Nein? Ein einfaches Nein würde doch genügen. Wenn man genauer hinsieht auf den griechischen Text, muss es für heute eigentlich etwas anders übersetzt werden – nämlich: „In eurer Rede sei das Ja ein Ja und das Nein ein Nein.“

 

Nein, gut hohenlohisch ist das nicht, wo der berühmte Spruch ist: „I sog ned sou und a ned sou. Ned dass irgendebber sogn könt i hätt sou oder sou gsogt“. Christentum heißt mutig sein. Jesus Christus hat nicht nur seinen Kopf hingehalten für uns. Wir sind gefordert – und es wird uns zugetraut! - dass wir bereit sind, unseren Kopf hinzuhalten.

 

„Tritt fest auf“: der erste der Tipps aus dem Luther-Zitat. Es geht nicht um das Stampfen vor Zorn. So wie ich mir Luther vorstelle, konnte er das wahrscheinlich auch. Wenn er den Eindruck hatte, dass der Teufel ihn wieder versucht hat, mag er so gestampft haben vor Zorn. Es geht um das Auftreten und nicht Zurückweichen oder Nicht kleiner werden. Dahinter steckt aber auch ein Zuspruch: „Du bist jemand, also stell dein Licht nicht unter den Scheffel“, wie es auch in der Bibel heißt nach einer Sprachschöpfung von Luther. „Du kannst dir etwas zutrauen – Gott traut dir auch etwas zu.“

 

Zum Fest auftreten braucht man auch im wörtlichen Sinn eine feste Grundlage. Wenn der Boden schwankt, kann man nicht fest auftreten. Diese Grundlage liefert das Evangelium. Die Botschaft Gottes sorgt für uns Christen dafür, dass wir glaubensmäßig auf einem festen Grund stehen. „Ein feste Burg ist unser Gott“ hat Martin Luther nach einem Psalm gedichtet. Mit dieser Grundlage lässt sich gut und glaubwürdig leben.

 

                                          Amen