Auslegung von Gottes Wort im Mittelpunkt

Hier können Sie in unregelmäßigen Abständen eine aktuelle Predigt lesen, jeweils verfasst durch Pfarrer Bruno Münch.

Predigt am 27.11.16 in Roßfeld

Text: Jer. 23,5-8

 

Liebe Mitchristen,

die Überraschung der Verwandten und auch der Nachbarn muss groß gewesen sein, als sie den Namen des neugeborenen Sohnes von Maria und Josef erfahren haben. Sie konnten nicht – so wie das üblich war – am siebten Tag kommen und das neugeborene Kind bestaunen. Die Geburt war, so erzählt uns das Evangelium, nicht im Heimatort Nazareth erfolgt, sondern in Bethlehem, der Stadt Davids.

Traditionell hat der Erstgeborene einer Familie den Namen des Vaters bekommen. Dieses Kind also hätte Josef heißen müssen, so konnten es alle erwarten. Dass Maria und Josef gegen die Tradition handeln, war nicht zu vermuten, zumal sie stark in ihrem jüdischen Glauben verwurzelt waren.

Trotzdem gab der Vater dem Sohn den Namen „Jesus“. Dieser Name – Jesus - war im Stammbaum der Familie nicht angelegt. Wir können uns ausmalen, dass diese Namensgebung Dorfgespräch war und man sich die Köpfe darüber zerbrochen hat.

Wieso ist Josef von der Tradition abgewichen? Was hat diesen bodenständigen Handwerker, diesen traditionellen Zimmerman, dazu gebracht, so anders zu handeln, als man es von ihm erwartet hätte? Es hatte ihn sehr getroffen, dass Maria nach dem Bericht des Evangeliums schwanger geworden war, ohne dass er, Josef, daran beteiligt war. Was muss ein Mann da denken?

Doch dann erschien ihm im Traum ein Engel, und alles änderte sich: „Josef“, sagte der Engel zu ihm, „verlass Maria nicht. Es ist nicht so, wie es dir scheint. Sondern das Kind, das sie gebären wird, ist vom Heiligen Geist. An dich aber habe ich noch einen Auftrag: Du sollst das Kind nicht Josef nennen, wie es eurer Tradition entsprechen würde, sondern ‚Jesus‘. Denn dieses Kind trägt den Auftrag Gottes.“

Josef erfüllte den Auftrag, der ihm vom Engel gegeben worden war. Er nannte das Kind „Jesus“ – auf Deutsch übersetzt bedeutet das „Gott hilft“. Auch die Absicht, Maria heimlich zu verlassen, hat er fallen gelassen. Er hat gemerkt, dass Gottes Plan hier durchgesetzt werden soll, und dass er selbst ein Werkzeug Gottes sein kann.

Die Juden kannten sich in der Thora aus, in ihrer Heiligen Schrift – wir Christen nennen sie das Alte Testament. Auch der einfache Handwerker Josef hat sich sicher in der Thora ausgekannt. Wir wissen, dass er mit seinem jüdischen Glauben genauso verwachsen war wie Maria. So hat er sicher auch manche Zeichen der Zeit nach der Heiligen Schrift zu deuten versucht.

Ob Josef an Jeremia gedacht hat, nachdem ihm der Engel erschienen war und gesagt hatte, wie das Kind genannt werden soll? Ich kann mir das durchaus vorstellen. Die Propheten, besonders die hoffnungsvollen Texte aus den Propheten, galten viel – haben sie dem Volk doch Halt gegeben und Zuversicht in schwierigen Zeiten.

„Jesus – Gott hilft“ – da muss Josef doch dieser Vers des Propheten Jeremia eingefallen sein: „Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen.“ Es ist einer dieser Texte Jeremias, in denen Gott zusagt, dass sein Volk eine Zukunft hat, dass Gerechtigkeit und Friede einziehen sollen. Es ist einer dieser Texte, die das Volk überhaupt am Leben gehalten haben. Kein Geringerer als Gott selbst hat sein Eingreifen zugesagt.

„Jesus – Gott hilft“ – wahrscheinlich hat Josef sich so manches Mal ungläubig die Augen gerieben, wenn er an seinen Auftrag durch den Engel zurückgedacht hat. Wahrscheinlich hat er so manches Mal überlegt, ob das wirklich wahr sein kann – dass seine Familie im Heilsplan Gottes ganz oben steht. Wahrscheinlich ist er sich manchmal deswegen noch kleiner vorgekommen als er als Zimmermann ohnehin schon war. Aber sicher hat er auch ein bisschen Stolz gefühlt.

„Jesus – Gott hilft“ – das ist nicht einfach nur ein Name, das ist Programm. Gott hat einen ganz klaren Plan, und diesen Plan hat er von Anfang an offensiv betrieben. Nicht nur, dass der Plan schon im Namen deutlich wird – nein, er wurde Jahrhunderte vorher schon angekündigt, sozusagen von ganz langer Hand vorbereitet. Der Plan heißt „Gott hilft“.

Jesus war als König Gottes angekündigt worden – „dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will“, so hatte er durch Jeremia sagen lassen. „Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.“ Programm Gottes ist zu helfen und Recht und Gerechtigkeit durchzusetzen.

Jesus Christus ist der Messias, an den wir glauben. Liebe Mitchristen, unser Messias trägt die Verheißung. Auch wir dürfen darauf ein bisschen stolz sein: Der, an den wir glauben, ist von Gott als Retter der Welt, als Helfer geschickt worden: „Jesus – Gott hilft“ – das ist die Grundlage, aufgrund derer wir Christen selbstbewusst sein können. Unsere Leitfigur trägt die Verheißung Gottes.

„Gott hilft“, sollte Josef das Kind nennen, so hat er es dann auch genannt. Keine Frage war für Josef, wem der Messias, der Gesandte Gottes, helfen wird. Schon der Prophet Jeremia hat Juda und Israel genannt. Natürlich wird er dem Volk Gottes helfen.

Aber die Verheißung geht weiter. Sind denn die anderen Völker außen vor, könnte man sich fragen. Auch dazu gibt die Thora, das Alte Testament, deutliche Antworten: Über Israel kommt das Heil zu den Völkern. Über den Juden Jesus kommt das Heil zu uns. Dass dieses Heil längst angefangen hat, feiern wir an Weihnachten. Darum freuen wir uns jedes Jahr wieder auf das Fest der Geburt, mit der der Heilsplan Gottes seinen Lauf genommen hat.

„Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will“ – Sehnsucht spricht daraus, und die Erfüllung der Sehnsucht. Was erlebt man heutzutage? Bei VW werden 10.000 Stellen gestrichen, was auf Fehler und Betrügereien zurückzuführen ist, die von der Konzernleitung zu verantworten sind. Die Kleinen, die Arbeiter, müssen es ausbaden. Die Manager dagegen streichen Boni in horrender Höhe ein oder werden mit Millionenbeträgen abgefunden.

Wer soll das verstehen, ist das gerecht? Meiner Vorstellung von Gerechtigkeit entspricht es jedenfalls nicht. Es ist nur ein Beispiel, das durchaus treffend die Handlungsweisen und die Zustände in unserer Gesellschaft widerspiegelt. Wenn Fabriken geschlossen und Arbeiter entlassen werden, um die Rentabilität zu erhöhen, bekommen die Manager Belohnungen dafür, und an der Börse steigt der Wert. Wer da sein Kapital angelegt hat, reibt sich die Hände.

Man hat den Eindruck, dass sich daran durch die Zeiten hindurch nichts ändert. Der Prophet Jeremia hat im Altertum gelebt – was er erlebt hat, gilt aber heute noch genauso. Er hat auch gesehen, dass die Oberschicht in Saus und Braus gelebt hat, während das einfache Volk in Not war. Dabei ist es doch Aufgabe der Mächtigen, für ihr Volk zu sorgen. Ein guter Hirte kümmert sich um die ihm Anbefohlenen. Einem guten König liegt an seinen Untertanen, er kümmert sich um gerechten Umgang.

Was Jeremia erlebt hat, konnte Jesaja bestätigen, der ähnlich getextet hat: „Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.“ Statt für das Volk Recht zu sprechen, wird das Recht gebrochen von denen, die dazu die Macht haben. Wir bilden uns heutzutage so viel auf unsere moderne Gesellschaft ein – aber wirklich anders ist es nicht.

Da kann man die Wutbürger eigentlich verstehen. Aber was bringt es, seine Wut auszudrücken – und aus der Wut heraus Unüberlegtes zu tun? Sinnvoller als Wut ist, eine Perspektive aufzuzeigen, eine Perspektive zu haben. Man kann den Eindruck haben, dass die Wutbürger nur deswegen Wutbürger sind, weil sie nicht den Mut zu einer Perspektive aufbringen.

Die Perspektive aus christlicher Sicht hat schon Jeremia beschrieben: „Siehe, es kommt die Zeit, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will.“ Wir in unserer Zeit wissen, dass diese Zeit nicht erst kommen wird, sondern längst angefangen hat: Jesus Christus ist dieser König Gottes. Er ist gekommen, hat sein Reich angefangen, seine Herrschaft angetreten. Wir, seine Anhänger, können mitgestalten.

Das ist die Botschaft Jeremias an uns: Gott schafft Gerechtigkeit, er hilft: „Jesus – Gott hilft“, das ist Gottes Programm. Wir können dabei sein, mitgestalten. Sein Reich hat begonnen. Wir sind eingeladen, sein gerechtes Reich mitzugestalten.

                                          Amen

 

Lied: 13,1-3 „Tochter Zion, freue dich“