Dauerbaustelle Kirche

Kirchen: Reformation ist immer. Deshalb sollen die Luther'schen These fortgeschrieben werden, und zwar an einem Bauzaun vor der Johanneskirche.

Die Aufgabe ist klar - und natürlich hat sie mit der Reformation zu tun: Jeder, der an der Johanneskirche vorbeikommt, soll eine These formulieren wie...

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„Die Liebe und das Wort –darauf wird es ankommen“

Diakon Werner Branke (links) von der Kirchengemeinde Sankt Bonifatius und Dreifaltigkeit und Pfarrer Eyub Aksoy von der Christuskirche. Foto: Ralf Snurawa

Ein wenig trotzig und schmunzelnd hatte Diakon Werner Branke am Sonntagmorgen mit Blick auf die Regenwolken, die aber nur ein paar Tropfen verlieren sollten, angekündigt: „Wir singen jetzt das Lied ‚Die güldne Sonne‘ – jetzt erst recht.“ Begleitet wurden die wohl wegen des Wetters nur etwa 100 Besucher dann vom Posaunenchor Tiefenbach unter der Leitung von Walter Bierlein.

Matthias Schelbert, katholischer Kirchengemeinderat, hatte vorausgeschickt, dass Ökumene nach innen Geschwisterlichkeit bedeute, nach außen, den Glauben in der Gesellschaft zu vertreten. Daran knüpfte Diakon Werner Branke an. Pfingsten bedeute Aufbruch: „Gott hat noch viel mit uns vor.“ Pfingsten, war später zu hören, sei der Ursprung der christlichen Gemeinschaft. Die Jünger Jesu seien mit dem heiligen Geist erfüllt worden.

An die 1000 Besucher waren beim ersten ökumenische Gottesdienst auf den Burgberg 1973 zu verzeichnen. Damals, darauf wies Werner Branke hin, hatten Pfarrer Rudolf Schütt von der evangelischen Christusgemeinde und Bernhard Glatz, Pfarrer der katholischen Kirchengemeinde „Zur Allerheiligsten Dreifaltigkeit“, zu dem Gottesdienst eingeladen.

Für Eyub Aksoy, den neuen Pfarrer der Christusgemeinde, war der ökumenische Gottesdienst eine Premiere. In seiner Predigt ging er auf das 14. Kapitel des Johannesevangeliums ein, den Moment, als Jesus seinen Jüngern ankündigt, dass er sie verlassen werde. Eine „sehr bewegende Abschiedssituation“ sei dies gewesen, so Aksoy, weil allen bewusst war, dass Jesus sein Leben lassen werde.

„Was wird bleiben? Die Liebe und das Wort – auf diese zwei Dinge wird es letztlich ankommen“, hielt Eyub Aksoy fest. Außerdem sei im Text vom Frieden die Rede. Aksoy blickte in dieser Hinsicht auf die heutige Welt. Da werde vom Frieden geredet und gleichzeitig Krieg geführt: „Noch nie wurde so viel vom Frieden gesprochen – noch nie war der Friede so anfällig, so unsicher und so brüchig wie in unserem Jahrhundert. Gespräche werden geführt, die Hand wird gereicht und im Hintergrund werden die Messer scharf geschliffen.“ Das gelte auch für das alltägliche Miteinander.

Aber das sei ein anderer Friede, von dem Jesus rede. Dieser Friede sei von Dauer. „Haben wir den Mut, diesen Frieden Jesu Christi in unserem Leben und in unseren Gemeinden einziehen zu lassen?“, schloss Pfarrer Eyub Aksoy.

Ralf Snurawa / Hohenloher Tagblatt 06.06.2017

Dauerbaustelle Kirche

Haben die „Baustelle Kirche“ eingerichtet (von rechts): Pfarrer Uwe Langsam und die Jugendreferenten Sascha Wiebusch und Inga Heine. Jetzt freuen sie sich darauf, dass Crailsheimer hier ihre Thesen hinterlassen. Foto: Schäfer

Kirchen: Reformation ist immer. Deshalb sollen die Luther'schen These fortgeschrieben werden, und zwar an einem Bauzaun vor der Johanneskirche.
Die Aufgabe ist klar - und natürlich hat sie mit der Reformation zu tun: Jeder, der an der Johanneskirche vorbeikommt, soll eine These formulieren wie weiland Martin Luther. Das Thema: was an der Kirche zu reformieren oder zu verbessern sei.

Luther hat damals gleich 95 Thesen an die legendäre Kirchentür in Wittenberg genagelt. Das geht heute bei der denkmalgeschützten Johanneskirche natürlich nicht. Dennoch sollen die Crailsheimer Thesen gut sichtbar aufgehängt werden – und zwar auf Zetteln mit Wäscheklammern an einem Bauzahn. Der steht vor der Kirche. Bauwagen, Absperrband und ein paar Bauhütchen sind auch mit dabei.

Betreten erlaubt

„Dauerbaustelle Kirche“ heißt es auf einem großen Plakat. Und weiter: „Betreten erlaubt. Kinder haften für ihre Eltern.“ Die Aktion wird von der Johanneskirchengemeinde und dem Jugendwerk gemeinsam gestaltet.

Die Idee: Das Reformationsjubiläum soll mehr sein als nur eine Feier der Kirche und ein Blick zurück, sagt Pfarrer Uwe Langsam. „Das Jubiläum muss auch die Frage stellen, was heute geändert werden müsste.“

Doch in Sachen „Baustelle Kirche“ ist das noch nicht alles. Denn den Bauwagen gibt es ja auch noch. Der ist mit „Reformationsmaterial“ ausgestattet, der berühmten Luther-Mohrenkopf-Schleuder zum Beispiel, oder Literatur und Kinderbüchern über den Reformator. „Hier sollen sich Jugendgruppen oder Schulklassen mit dem Thema beschäftigen“, sagt Langsam, der sich vorstellen kann, Kinder bei einer solchen Gelegenheit auch in die Johanneskirche nebenan zu führen und sie zu fragen: „Was findet ihr schön? Was würdet ihr anders machen?

Und was würde Pfarrer Langsam anders machen, was ist seine These? „Die Kirche muss alltagstauglicher werden. Sie muss die Menschen in ihren Beziehungen, in ihrer Familiensituation erreichen, als Eltern, als Ehepartner, als Kind. Und sie muss die Menschen ermutigen, den Glauben dort zu leben.“

Die These von Jugendreferent Sascha Wiebusch, Bezirksjugendwerk, lautet so: „Der Glaube soll lebendig gehalten werden. Bei dem Blick auf Veränderungen und Kirche an sich darf nicht vergessen werden, wer sie begründet hat, nämlich Jesus. Auf ihm muss der Fokus liegen.“ Jugendreferentin Inga Heine vom Evangelischen Jugendwerk formuliert eine andere These: „Kirchenlieder sind schön und ich habe kein Problem damit. Doch ich fände es schön, wenn in der Kirche auch mal meine Musik gespielt werden würde.“

Das könne genauso Rockmusik sein wie die populären „Atemlos“-Ohrwürmer dieser Welt. „Damit sind wir übrigens auch wieder nah an Luther“, sagt Wiebusch. Auch der Reformator habe seinerzeit Wirtshausmelodien mit kirchlichen Texten versehen und singen lassen. Warum auch nicht? Es komme ja schließlich auf den Text an, sagt Langsam, der könne die platteste Melodie in ein tolles Lied verwandeln – und schon sind die drei „Arbeiter“ im Gespräch. „Darum geht es bei der Aktion“, sagt Pfarrer Langsam. „Wir würden uns freuen, wenn sich die Leute Gedanken machen und ins Gespräch kommen.“